Vorabeintrag zum 17. Eintrag

Heute gibt es ein bisschen Werbung statt eine Begriffserklärung.

Ich möchte nochmal alle ermutigen, den Blackinwhitefamily MoneyPool näher zu betrachten und einzuzahlen. Ich habe diesen vorgestern eingerichtet, um den Blackinwhitefamily Safer Space und Mitglieder der Schwarzen Community in Deutschland finanziell zu unterstützen. Darüber hinaus kann man mit einer Einzahlung in den MoneyPool meine Arbeit entlohnen. Warum ist das wichtig? Es ist Teil der ALLYSHIP. Weiße*r Verbündete*r zu sein und Nicht – Weiße Menschen zu unterstützen, bedeutet auch, nachhaltig zu investieren. Mit dem Geld können beispielsweise Unterkunft und Anreise für Safer Space – Mitglieder unterstützend gedeckt werden, die sonst nicht an physischen Treffen teilnehmen könnten. Mit dem Geld kann in verschiedenen Projekte der Community investiert oder Schwarzen Menschen geholfen werden, die aufgrund von systemischen Rassismus benachteiligt sind – durch Gentrifizierung beispielsweise. Ein weiterer Grund und auch die Basis, durch die ich von sehr empowernden Personen auf die Idee gebracht wurde, diesen MoneyPool einzurichten ist, dass dadurch mein (wenn nicht anders gekennzeichnet) selbst angeeignetes Wissen, mein Ressourcenverbrauch und meine Arbeit wertgeschätzt werden. Ich bin mir bewusst, dass meine Arbeit wertvoll und nachhaltig ist. Es konsumieren über die IG – Plattform derzeit 718 Menschen meinen Content. Der Zugang dazu soll kostenlos sein und das ist er auch, um den angesprochenen Problemen und Personen Sichtbarkeit zu geben. Der Content ist jedoch nicht wertlos oder umsonst und jeder, der das ausdrücken möchte, kann das durch eine Einzahlung in den MoneyPool tun.

Es kann durch eine Nachricht angegeben werden, ob das Geld an den Safer Space, die Community oder mich gehen soll. Wohin welches Geld fließt, wird festgehalten und es wird auf der IG – Plattform unter dem Highlight „MoneyPool“ öffentlich gemacht, welches Projekt in der Community gerade mit dem Geld unterstützt wurde. Sobald physische Treffen des Safer Spaces möglich sind, wird es auch mehr Updates zu diesem auf der Plattform geben. Zurzeit fallen Kosten für die Online – Plattform zum Abhalten der Treffen an, die durch das Geld gedeckt würden. Die Updates auf der Plattform können auch diejenigen einsehen, die selbst kein Instagram haben, da sie öffentlich ist.

IG – Plattform: blackinwhitefamily

Den Link zum MoneyPool findet ihr hier: https://paypal.me/pools/c/8t2UV8CK3k

Danke im Vorhinein für eure nachhaltige Unterstützung!

16. Eintrag – „Willst du nicht zurück an deine Wurzeln?“

Willkommen zurück!

Da ich am nächsten Wochenende verhindert bin, poste ich diese Woche ausnahmsweise zwei Einträge.

Die Frage, ob ein*e Adoptee oder auch ein Schwarzes/Bi_PoC – Kind, das aus einer biracial Partnerschaft stammt, an seine „Wurzeln“ bzw. an die „Wurzeln“ des Nicht – Weißen Elternteils zurückreisen, -ziehen oder -gehen will, ist unglaublich übergriffig und auch nicht selten rassistisch. Die Hypothese aufzustellen, dass man das wollen muss, ist total ignorant für die Bedürfnisse der Person und macht die individuellen Sichtweisen und Emotionen unsichtbar.

Zum einen impliziert die Frage nach den „Wurzeln“, dass eine Nicht – Weiße Person, egal ob adoptiert oder nicht, ihre Heimat nicht hier in Deutschland haben kann und somit nicht so richtig oder gar nicht hier verwurzelt ist. Dabei kann jede Person überall „Wurzeln“ schlagen, egal ob es der Ort ist, an dem man geboren wurde oder nicht. Es ist rassistisch davon auszugehen, dass eine Nicht – Weiße Person nicht Deutsche*r ist und/oder hier nicht Zuhause ist. Davon auszugehen, dass Nicht – Weiße Menschen wieder zurückgehen, ist ebenfalls rassistisch. Seit Jahrzehnten wird in Deutschland daran gearbeitet, Schwarze Menschen und Bi_PoC loszuwerden, indem man sie während des 2. Weltkriegs durch den Staat ermordete, zu Zeiten der Teilung und danach deportierte, Kinder von US – amerikanischen Schwarzen Soldaten in die USA zur Adoption freigab oder wie derzeit am Mittelmeer zu beobachten gar nicht erst aufnehmen wollte. Es wird davon ausgegangen, dass eine Nicht – Weiße und damit auch automatisch nicht – deutsche Person wieder „zurück in ihr Land“ geht, nachdem ihre Daseinsberechtigung hier verwirkt ist (durch Volljährigkeit, Ablauf des Arbeitsvisums etc.).  

Zum anderen gründet sich diese Frage auf der stereotypischen Vorstellung, dass ein*e Adoptee ein Loch in sich zu flicken habe und unbedingt seine*ihre Herkunftsfamilie kennenlernen möchte. Fakt ist aber, dass das ein höchst persönliches und individuelles Bedürfnis ist und sich nicht jede*r Adoptee dazu entscheidet oder auch entscheiden möchte. Nicht – adoptierte Menschen, die sich meist auch nicht mit Adoption, geschweige denn der Adoption des Gegenübers auseinandergesetzt haben, finden es oft komisch, dass ein*e Adoptee oder eine biracial Person die Herkunftsfamilie oder das Herkunftsland nicht kennenlernen will und verheimlichen ihre Wertung dessen auch nicht.

Ob, wann, wo und wie man zur Herkunftsfamilie oder ins Herkunftsland reisen will, hängt von unzähligen Faktoren ab: Wie wurde die Adoption in der Familie be – oder angesprochen? Wie steht man zur eigenen Adoption? Wie ist die Adoption verlaufen? Weiß man etwas über seine Herkunftsfamilie? Wie ist die emotionale und körperliche Verfassung? Welche Art von Adoption liegt vor? Ist Interesse da? Will die Herkunftsfamilie Kontakt aufnehmen? Warum wurde man adoptiert? Wie steht das Nicht – Weiße Elternteil zum Herkunftsland? Wie steht der Rest der Familie zur Kontaktaufnahme oder zur Reise? In welcher Lebensphase befindet man sich? Wie steht es finanziell? Und so weiter und so fort. Ich könnte bis morgen hier sitzen und Faktoren aufzählen, die den Wunsch, die Entscheidung und die Ablehnung eines Kennenlernens der „Wurzeln“ beeinflussen. Es ist vollkommen utopisch zu denken, dass jede*r Adoptee und jede biracial Person gleich ist und sich mit der eigenen Herkunft auseinandersetzen will.

Zum Schluss: Diese Frage zu stellen oder sogar Hypothesen dazu aufzustellen, ist unverschämt übergriffig, weil es eine fremde Person nichts angeht. Ehrlich gesagt, geht es niemanden etwas an, wenn die entscheidende Person das nicht wünscht. Wie sich wer mit seiner*ihrer Herkunft auseinandersetzt, ist sehr persönlich. Die Antwort, die auf die Frage kommt, dann auch noch zu werten, ist einfach nur frech und dreist. Niemand hat zu bewerten oder zu beurteilen noch zu verurteilen, was eine Person aus und mit seiner*ihrer Vergangenheit macht!

Liebe Nichtadoptierte und Weiße Leute: Hört auf Nicht – Weiße Menschen danach zu fragen, wo sie herkommen und ob sie dorthin zurück wollen. Es ist rassistisch, es ist übergriffig und einfach nur unverschämt.

Liebe Adoptees und Bi_PoC: Lasst euch von niemanden sagen, wie ihr mit eurer Vergangenheit im Sinne von Herkunft umzugehen habt. Wir können „Wurzeln“ schlagen, wo wir wollen. Wir sind niemanden Rechenschaft schuldig und wir haben eine Daseinsberechtigung überall!

Bis zum nächsten Mal!

Elli

15. Eintrag – Mental Health: Lebensrealitäten abchecken

Für uns kommen in diesem Blog und der Instagram – Plattform viele Querschnitte (Intersektionalitäten) zusammen. Wir sind Bi_PoC/Schwarz. Einige sind adoptiert. Alle haben bisher Rassismuserfahrungen gemacht und alle leben in einer Weißen Familie oder sind in einer aufgewachsen. Man kommt eigentlich nicht drumherum, sich mit diesen verschiedenen Aspekten auseinanderzusetzen. Mit den Meinungen, Vorstellungen, Input und dreisten Behauptungen fremder Menschen. Mit den eigenen Gefühlen, Emotionen und Wünschen. Mit den Möglichkeiten, die man hat, mit all den Dingen umzugehen. Mit den Schwierigkeiten. Mit den Menschen um einen herum. Mit kulturellen Druck. Mit vielen Dingen, die man sich nicht unbedingt ausgesucht hat. Gleichzeitig soll aber auch nicht die Mental Health drunter leiden. Wie das? Letzte Woche habe ich schon erklärt, dass Adoptees um ein vielfaches häufiger mit ihrer mentalen Gesundheit Schwierigkeiten haben als nicht adoptierte Kinder und Erwachsene. Ein ganz großer Stichpunkt in all diesen Intersektionalitäten und Mental Health ist für mich, meine Lebensrealität abzuchecken. Was sagen andere, was ich sehe/fühle/denke und was sehe, fühle und/oder denke ich? Wenn ich auf alle oben genannten Aspekte eingehe, kommt in Kürze folgendes zusammen:

Zum Schwarzsein

Eine ziemlich lange Zeit in meinem Leben habe ich nicht vereinen können, dass ich Schwarz bin, weil mir eine Weiße Realität beigebracht wurde. Dinge, die zur Realität Schwarzer Menschen gehören, konnte ich nicht einordnen, weil sie gar nicht mit dem übereingestimmt haben, was mir vorgelebt und gesagt wurde. Durch Sätze wie „So war das bestimmt nicht“ habe ich meine Lebensrealität als Schwarze bis vor kurzem noch angezweifelt. Erst der Kontakt mit anderen Bi_PoC hat mir gezeigt, dass die Rassismuserfahrungen und meine daraus resultierenden Empfindungen real sind und eine Daseinsberechtigung haben. Realitätscheck: Welche Realität wird mir vorgelebt, welche Realität lebe ich?

Zur Adoption

Mir wurde mein Leben lang vermittelt, meine Adoption ist etwas, wofür ich dankbar sein muss und durch das ich mich angenommen fühlen muss. Das hat aber so oft nicht mit meinen Gefühlen übereingestimmt. Mir wurde so oft gesagt, „dein Leben hat sich zum Besseren gewendet“, „du hast Glück gehabt“ und „jetzt geht es dir besser“ und es war einfach nicht meine Realität, weil ich mein Leben im Herkunftsland nicht gelebt habe und somit nicht sagen kann, ob es mir jetzt besser geht oder Glück gehabt habe. Letzte Woche habe ich schon erwähnt, wie sehr ich mit meiner Adoption gestruggelt habe, d.h., dass diese Sätze auch einfach oft nicht mit meinem Gefühl übereingestimmt haben. Realitätscheck: Welche Realität hätte ich möglicherweise gelebt und welche Realität lebe ich?

Zur Weißen Familie

Hypothesen zu meiner Familie habe ich auch schon viele von wildfremden Menschen bekommen, die meinen, meine Familie sei nicht „die richtige“, nicht „echt“ und einfach nicht meine. Sehr dreist. Das wurde mir sehr viel vermittelt und es ist aber nicht das, was ich so verbuchen würde. Eine Weiße Familie ist meine Realität. Eine nicht – biologische Person meine Schwester und Mutter zu nennen, ist meine Realität. Dass die Personen, die ich so nenne, das auch sind, ist Fakt! Realitätscheck: Wie stehe ich zu meiner Familien und was können andere Menschen nicht einordnen?

Zum Schwarzsein in einer Weißen Familie

Mir fällt gerade beim Schreiben auf, wie arrogant manche Menschen sind, dass sie Gedanken und Hypothesen zu herausposaunen, als hätte ich nur auf eine Erleuchtung durch diese gewartet. Wirklich frech. Aber naja. Vor allem Schwarze Menschen haben oft die Hypothese aufgestellt, dass es schrecklich sein muss, Schwarz in einer Weißen Familie sein zu müssen, wohingegen mir Weiße Menschen sehr viel zugerechnet haben, als Weiß sozialisierte Schwarze. Again: Das ist meine Realität. Zu sagen, dass es etwas Schreckliches ist, in meiner Weißen Familie aufzuwachsen, ist ganz allein meine Position. Realitätscheck: Wie lebe ich in meiner Familie und was behaupten Außenstehende?

Für mich fängt meine mental health an zu zerfallen, wenn ich nicht mehr genau weiß oder empfinden kann, welche Realität ich lebe oder meine gelebte Realität anfängt, sich falsch anzufühlen. Immer wieder atme ich kurz durch und mache bewusst, dass meine Realität valide ist. Dass niemand außer mir sagen kann, was sich für mich rassistisch, übergriffig, falsch oder unwohl anfühlt. Niemand außer mir, kann sagen, ob mein Aufwachsen in einer Weißen Familie besonders gut oder schlecht war. Ob meine Adoption besonders gewinnbringend für mich war oder nicht. Fakt ist: Meine Empfindungen, Realitätsansichten und meine Ansprüche an diese Realität sind valide. Diese Validität ist etwas, das ich mir als Schwarze und als Schwarze Frau, als nicht gebürtige Deutsche, als Adoptee und als Schwarze in einer Weißen Familie immer wieder und wieder erstreiten und durchbringen muss. Das kommt mit diesen Querschnitten als Schwarze Person/Bi_PoC, Adoptee und Weißer Familie und ich weiß, dass ich mit dem schweren Jonglieren dieser Querschnitte nicht alleine stehe.  

Bis zum nächsten Mal!

Elli

14. Eintrag – Adoptionstrauma

Adoption und alle Themen, die damit zu tun haben, sind noch ein Tabuthemen in Deutschland. In den Köpfen herrscht oftmals die Vorstellung: Man holt sich eben mal ein Kind und dann sind alle glücklich. Eine sehr romantische Vorstellung. Dass Adoption wunderschön und ein Geschenk für beide Seiten (Kind und Familie) sein kann, will ich gar nicht bestreiten. Worüber man meiner Meinung nach aber unbedingt mehr reden muss, um auch einen Umgang damit zu finden, sind Adoptionstraumata. Als Trauma bezeichnet man eine seelische Verletzung oder Erschütterung der Psyche durch ein belastendes Ereignis. Das Verlassen der Herkunftsfamilie, das Einleben in eine neue Familie und auch die einzelnen Zwischenstationen bis zur Aufnahme in die neue Familie können traumatisch sein, weil sich die ganze Welt um einen herum verändert. Adoptierte Kinder und Erwachsene haben häufiger Bindungs -, Zurückweisungs – und Trennungsängste als nicht – adoptierte Kinder und Erwachsene. Diese kommen durch die erste Trennung (die Trennung von der leiblichen Mutter) zustande, die im neurologischen System verankert ist. Je nachdem wie alt das Kind zum Zeitpunkt der Adoption ist, welche Gründe für eine Adoption vorliegen, wann und wie Adoption angesprochen wird, was das Kind schon bis dato erlebt hat und wie das Einleben ins neue Leben funktioniert, haben adoptierte Kinder und Erwachsene unterschiedliche Traumata von ihrer Adoption, die teils auch nicht bewusst sind, da sie nicht sehr oder gar nicht die Persönlichkeit beeinflussen.

Ich bin eine Person, bei der durch verschiedene Aspekte meiner Adoption, verschiedene Verhaltensmuster getriggert wurden und werden. Ich bin mit 9 Monaten aus Gambia nach Deutschland ausgereist. Meine leibliche Mutter ist ein paar Wochen nach meiner Geburt gestorben und die nächsten Monate wurde ich innerhalb meines Dorfes hin – und hergereicht. Zwischen meiner Tante, meiner Oma, meinen Cousinen und Cousins, den Ordensschwestern einer katholischen Mission, einer Freundin der Familie, bei der ich dann die meiste Zeit lebte und meiner Mutter, die mehrmals nach Gambia geflogen ist, um die Adoption zu regeln. Ich bin in den Senegal gereist. Ständig kam irgendwer von meiner senegalesischen Familie und wollte mich mitnehmen. Dann sollte ich nach Deutschland fliegen und dann durfte ich doch nicht nach Deutschland fliegen und bin in Gambia geblieben. Kurz nach meiner Adoption war ich dann mit meiner Mutter und zwei meiner Schwestern für ein ganzes Jahr in Polen.

Dass mich das mitgenommen hat, habe ich schon als Kind gut verstanden. Ich habe verstanden, dass ich etwas in Gambia zurückgelassen habe und, dass mir etwas fehlt. Ich habe verstanden, dass ich eine Trennung erlebt habe, die ich nicht verarbeitet hatte. Es ist mir ehrlich schwergefallen, mich in meiner Familie und Deutschland einzuleben. Dass alle in meiner Familie sich ähnlichsehen, nur ich nicht. Dass Bekannte sagen, ich sei das „andere Kind“ und das „Adoptivkind“. Dass die Leute hier mich nicht wirklich mochten, weil ich schwarz bin und, dass ich mich nicht mit allen in der Familie verstanden oder von allen angenommen gefühlt habe. Ich habe viele Dinge und Personen aus Gambia schrecklich vermisst, die ich gar nicht kannte. Dazu kam das Gefühl, den Druck zu haben, meine Herkunft hinter mir lassen zu müssen und keinen Raum in meinem neuen Leben zu geben. Diesem Druck habe ich nie nachgegeben. Gambia und meine Herkunft waren und sind sehr präsent in meinem Leben, genauso wie das Trauma meiner Adoption für mich sehr präsent war und ist. Als Kind und Jugendliche habe ich immer nach Gambia gewollt, mich mehr mit Gambia auseinandergesetzt und auch sehr an meinen leiblichen Verwandten gehangen.

Da ich in den Jahren, in denen ein Neugeborenes Vertrauen aufbaut und sowas wie eine Komfortperson für sich festlegt, viel herumgereist bin und herumgereicht wurde und darüber hinaus mich nicht (immer) von allen in der Familie aufgenommen und angenommen gefühlt habe, fällt es mir bis heute schwer, Menschen zu vertrauen oder mich gar an sie zu binden. Ich habe ziemlich viele Ängste, wenn es um Unbekanntes geht und den ständigen Drang, die Dinge zu kontrollieren oder zumindest kontrollieren zu können, was mich betrifft. Ich brauche für alles Begriffe und Schubladen, um Phänomene einordnen zu können und somit durch Sprache berechenbarer zu machen. Als zukünftige berufliche Laufbahn habe ich mir ein internationales Berufsfeld ausgesucht, weil es mich nicht bindet und nirgends festhält, sodass ich mich nicht für einen Lebensmittelpunkt entscheiden muss. Das ist alles, was ich heute von mir teile.

Ich finde es sehr wichtig, über Trauma zu reden und sich mit den eigenen Traumata zu beschäftigen, auch wenn das eine sehr holprige Reise ist. Adoptiert zu werden, prägt einen und ist Teil der eigenen Story, dem man positiv, negativ oder neutral gegenüberstehen kann. An dieser Stelle ist es mir außerdem wichtig zu betonen, dass nicht jede*r Adoptee sich mit seiner*ihrer Adoption und/oder seinen*ihren „Wurzeln“ auseinandersetzen möchte und das mehr als in Ordnung ist – es ist valide! Und es hat niemand sonst dabei reinzureden oder zu pushen. Die eigene Adoption ist auch ein intimer Part des Lebens und geht nur einen selbst etwas an, wie man mit diesem Part des Lebens umgeht.

Bis zum nächsten Mal!

Elli

Quellen:

https://medium.com/@mindystern/adoption-is-trauma-its-time-to-talk-about-it-ec675ba328cb

https://www.therapie.de/psyche/info/index/diagnose/trauma

13. Eintrag – Keine Zeit für White Fragility (auch nicht von Familienmitgliedern)

Ich habe wirklich limitiertes Verständnis für Weiße, erwachsene Menschen, die zusammenbrechen, weil jemand es gewagt hat, ihnen zu sagen, dass mit ihrem Weißsein eine bestimmte Position und Verantwortung einhergeht. Vor allem aber habe ich für Weiße Zerbrechlichkeit keine Zeit und habe auch nicht vor, sie mir zu nehmen. Schwarze Menschen in Weißen Gesellschaften setzen sich mit Hautfarbe, Traumata, Rassismus, Vertrauensverlust und vollkommen verschobener Moral auseinander, sobald sie denken können. Wir gehen Eis essen und schon wird unser gesamtes Weltbild erschüttert, aufgrund der Farben unserer Haut – noch bevor wir auch nur annährend verstanden haben, dass wir Teil dieser Welt sind. Schwarze Kinder in Weißen Familien fangen diese Erschütterungen meist alleine ab, weil ihre Familien sich nicht genug oder gar nicht sensibilisieren, um ihnen dabei helfen zu können. Ständig wird uns gesagt, wir sollen nicht so empfindlich sein oder uns eine dickere Haut zulegen oder, dass die Erfahrung jetzt wirklich nicht so schlimm war. Unsere Empfindungen und Verletzungen werden einfach übergangen.

Ich maße mir an, diese jetzt aber über das White Fragility – Jammern Weißer Menschen zu stellen. „Mimimimi, ich kann das nicht googlen. Der Name Tupoka Ogette ist ganz schwierig zu schreiben“. „Mimimimi, ich wurde auch schon reduziert auf eine die Geld hat“. „Mimimimi, finde ich jetzt total gemein, dass du etwas konstruierst, dass eine einseitige Opferrolle darstellt“. Dass ich mich jetzt nicht mehr mit Sätzen und Haltungen wie diesen auseinandersetze, hat viel mit Healing und viel mit Selbstschutz zu tun. Aber vor allem, ist Weiße Zerbrechlichkeit einfach nicht mein Problem. Ich habe auch nicht mehr vor, es zu meinem Problem zu machen. Ich rede einfach weiter über Rassismus, nehme Raum ein, verlange Respekt, verlange Aufmerksamkeit und das Verlassen privilegierter Komfortzonen. Dass Weiße Menschen ihre Zerbrechlichkeit an Schwarzen auslassen und nicht andere Weiße Menschen zum Reden suchen, liegt daran, dass durch Weiße Zerbrechlichkeit ein Status Quo aufrechterhalten wird, der Schwarzen verbietet, über die rassistischen Verhältnisse zu sprechen und gar zu verlangen, diese zu ändern.

Weiße Menschen fühlen sich unwohl damit, über Rassismus zu reden. Pech gehabt! Ich fühle mich unwohl damit, jeden Tag auf die Straße zu gehen und meine Existenz bedroht zu sehen und rechtfertigen zu müssen. Schwarze fragt auch niemand, ob sie sich damit wohlfühlen, wenn man sie mit dem N – Wort ihrer Persönlichkeit beraubt. Es wartet niemand, bis wir uns von einer Erfahrung/einer Konfrontation erholt haben, bevor man das nächste Rassismustrauma auf uns schmeißt. Ich sehe nicht ein, wieso ich diesen Status aufrechterhalten sollte, weil es Weißen Menschen „zu viel“ oder „unangenehm“ ist, darüber zu reden und den Namen Tupoka Ogette zu googlen oder bei Amazon ein Buch zu bestellen. Mit der Konfrontation mit Rassismus überfordert zu sein, hat definitiv seine Daseinsberechtigung. Mit anderen Weißen Menschen zu reden und einen Umgang damit zu finden, während man die tatsächliche Arbeit macht, um antirassistisch zu sein, respektiere ich sehr. Von Schwarzen direkt oder indirekt zu verlangen, stumm zu schlucken, was auf uns geworfen wird, damit man aus einer Bequemlichkeit heraus in seinen Komfortzonen vor sich hinleben kann, sehe ich jedoch nicht ein.

12. Eintrag – White Fragility in Weißen Familien

Viele von uns werden im oder nach dem Gespräch oder der Kommunikation mit ihren Familien über Rassismus mit Weißer Zerbrechlichkeit konfrontiert. Weiße Menschen fühlen sich grundsätzlich unwohl in Gesprächen über Rassismus und vor allem über die eigenen Rassismen. Das liegt vor allem daran, dass Weiße Menschen dazu tendieren, Rassismus nur dann zu sehen, wenn er ihnen ganz offensichtlich begegnet. Rassismus hat darüber hinaus ein so verschobenes Verständnis angenommen, dass man meint, es sei immer mit einer böswilligen Intention gegenüber eines Nicht – Weißen Menschen verknüpft, wodurch vermittelt wird: Wer rassistisch ist, ist böse und schlecht. Diesen Schuh möchte sich natürlich keiner anziehen. Auf die Worte „Das ist rassistisch“ oder gar „Du bist rassistisch“ reagieren Weiße Menschen daher oft wütend, empört, verletzt oder auch ausfallend, weil die Nachricht zu sein scheint: „Du bist eine schlechte Person“. Auch durch die Worte „Du bist Weiß“ sind Weiße Menschen oft verletzt und fühlen sich auf ihr Weißsein reduziert.  Familienmitglieder sind dabei keine Ausnahme. Durch „Ich sehe keine Farben“ – Sätze, „Ich bin nicht rassistisch“ – Empörungen, „Da übertreibst du aber“ – Gaslighting, „Aber diesen und jenen Menschen passieren schlimme Dinge“ – Whataboutism, „Sonst hätte ich dich ja nicht adoptiert“ – Tokenism und auch „Du hättest auch mal was sagen können“ – Vorwürfe weisen sie Rassismus von sich. Auch wird aufgrund der schockierenden Konfrontation mit den eigenen Privilegien und deren Kosten für andere Menschen die Ansprache von Rassismus oft als Angriff gewertet. Gerade bei Eltern kommt noch hinzu, dass ihre gutgemeinte Erziehung infrage gestellt und auch kritisiert wird.

Erst als ich mich mit meinem persönlichen Safe Space auseinandergesetzt habe, habe ich gesehen, warum ich vor Familienfeiern, Urlauben mit meiner Familie oder auch einfachen Ausflügen ins Unbekannte so schlechte Laune bekomme: Ich kann mich in einer unsensibilisierten Umgebung nicht sicher fühlen und so die Gemeinsamkeit nicht genießen (s. Racial Stress). Schwarze Menschen überall konnten und können es sich nicht leisten, an dieser Unsicherheit, White Supremacy oder dem rassistischen System zu zerbrechen. Es ist jetzt an den Weißen Familien Schwarzer Kinder, nicht zu zerbrechen und sich aufzurappeln, wie ihre Kinder es schon getan haben seit sie klein sind. Es geht darum, was sie machen müssen, damit sich ihre Schwarzen Familienmitglieder im Familienkreis vor Rassismus und rassistischen Bemerkungen geschützt fühlen können. Dafür bekommen sie Erklärungen, Begriffe, Worte, Bücher, Seminare und Workshops, um einordnen zu können, weshalb die Welt so funktioniert, wie sie funktioniert. White Fragility ist ein Problem in Weißen Familien Schwarzer Kinder, das es durch die Familien zu lösen gilt.

Es ist wichtig für Schwarze Familienmitglieder zu wissen, wieso ihre Familien bei der Ansprache von Rassismus in der Mehrheit der Fälle so reagieren, wie sie reagieren. Es ist wichtig für uns, damit wir einen Umgang für uns damit finden können. Das heißt nicht, dass wir Gaslighting oder ähnliches entschuldigen müssen. Es heißt auch nicht, dass Wut, Trauer, Enttäuschung, Ärger und Frustration keine Daseinsberechtigung haben und nicht zum Ausdruck gebracht werden dürfen. Es heißt nur, dass viele besser mit der Reaktion ihrer Familien umgehen können, wenn sie wissen, woher sie kommt. Und es ist wichtig, damit einen Umgang zu finden, der einem nicht schadet. Auf der zu diesem Blog gehörigen Instagramseite blackinwhitefamily findet ihr Umgangsmöglichkeiten mit euren Emotionen vor/nach dem Gespräch oder der Kommunikation mit eurer Familie über Rassismus.

Bis zum nächsten Mal!

Elli

Vorabeintrag zum 12. Eintrag

1. White Fragility

Unter White Fragility, deutsch „Weiße Zerbrechlichkeit“, versteht man das Unwohlsein und daraus resultierende Reaktionsarten Weißer Menschen bei der Konfrontation mit Rassismus, Weißer Superiorität (Überlegenheit) oder auch Weißen Privilegien. Das kommt daher, dass das Weißsein als eine Norm propagandiert und festgesetzt wurde, wodurch Weiße Menschen es nicht gewohnt sind, sich mit ihrem Weißsein auseinanderzusetzen, damit konfrontiert oder gar darauf reduziert zu werden. Weiße Menschen werden dann wütend, fühlen sich angegriffen oder verletzt, relativieren die Geschehnisse oder leugnen sie sogar. Durch solche und andere Reaktionen wird ein rassistischer Status Quo aufrechterhalten, da die aus White Fragility stammenden Reaktionsformen es Schwarzen und People of Color schwer machen, Rassismus und ihre eigenen Erfahrungen anzusprechen.

2. Gaslighting

Gaslighting ist eine Form von psychischer Gewalt, bei der uns unsere Lebenswirklichkeit abgesprochen wird, indem die Schwere unserer Erfahrungen relativiert (s. Whataboutism) oder sogar als unwahr abgetan wird. Das passiert beispielsweise, wenn uns gesagt wird, dass Schwarze und PoC es hier in Deutschland gar nicht schwer hätten oder, dass Rassismus überhaupt nicht existiere.

3. Whataboutism

Whataboutism meint, dass Menschen von dem angesprochenen Problem (oftmals relativierend) mit anderen Problemen abzulenken versuchen. So werden bei der Rassismusproblematik von Weißen gegenüber Schwarzen und PoCs gern andere Diskriminierungsformen angeführt. In Tupoka Ogettes Buch „Exit Racism“wird das Beispiel der Schwierigkeiten, die Jungs mit langen Haaren haben, im Vergleich mit den Rassismuserfahrungen Schwarzer Menschen und People of Color angebracht.

4. Tokenism

Token lässt sich im Deutschen als Alibi verstehen. Sogenannte Token werden benutzt, um Symbolpolitik zu betreiben. Das kann beispielsweise die Anstellung einer Frau oder einer*s Angehörigen einer Minderheit sein, der*die dann für PR – Zwecke genutzt wird. Es geht nicht darum, dass die Person tatsächlich gehört wird oder Einfluss hat, sondern, dass sie den Slogan „Wir sind divers“ optisch stützt. Weiße Eltern bzw. Weiße Familienmitglieder Schwarzer Kinder sind oft fest davon überzeugt, nicht rassistisch sein zu können oder sogar anti – rassistisch zu sein, da sie eine Schwarze Person in der Familie haben. Gerade Eltern, die Schwarze Kinder adoptieren, schieben oft (unbewusst) die Adoption vor. Die Adoption des Kindes wird als Aushängeschild des eigenen Anti – Rassismus genutzt, wie die Anstellung der Frau als Anti – Sexismus Zeichen. Token sind immer oberflächliche Symbole, heißt es wird hierbei davon ausgegangen, man müsse sich nicht tiefgründig mit Rassismus oder gar den eigenen Rassismen auseinandersetzen. Bei der Ansprache von Rassismus bekommen adoptierte Schwarze Kinder oft den Satz zu hören: „Wie kann ich rassistisch sein? Wir haben dich adoptiert!“. Dabei ist es mir wichtig zu erwähnen, dass eine Schwarze Person zu kennen, in der Familie zu haben oder mit ihr zusammen zu sein, einen NICHT zum Antirassisten macht!!!

11. Eintrag – Rassismus in der Familie ansprechen

Rassismus in der Familie anzusprechen, ist wahrscheinlich die Sache, bei der wir uns als Schwarze am verletzlichsten machen. Die Erwartungen und der Ansatz sind ein anderer als bei Fremden. Rassismus in der Familie anzusprechen ist so oft mit vielen Emotionen, Enttäuschungen und letztlich auch dem Abbau von Brücken zu Personen verbunden, weil Erfahrungen abgesprochen, ignoriert und/oder nicht verstanden werden. Ich finde es wirklich heftig, wie viele von uns sich öffnen und versuchen, unsere Familien zu sensibilisieren und bei ihnen auch einen sichereren Ort zu finden und mit einem schlechten Gefühl aus diesen Konversationen rausgehen. Mit der Notwendigkeit, Beziehungen zu beenden, Familienfeste auszusitzen, jahrelang keine Gespräche mehr zu führen. Ich finde es einfach nur traurig, wie vielen Familien(-mitgliedern) ihre eigenen Privilegien und Komfortzonen wichtiger sind als die Beziehungen zu ihren Geschwistern, Kindern, Enkeln etc… Es ist grundsätzlich unvorhersehbar, wie die Gespräche ausgehen, aber in viel zu vielen Fällen, gehen die Personen negativ bzw. enttäuscht aus der Konversation. Lasst euch nichts absprechen, steht zu euren Erfahrungen und euren Gefühlen.

Durch eine Umfrage auf Instagram habe ich ein paar Tipps, Ratschläge, Warnungen und Vorbereitungstipps für alle, die ihre Familien mit Rassismus konfrontieren möchten, gesammelt.

Tipps, Ratschläge und Warnungen

1) (Zuerst) mit einzelnen reden und Backup holen

Wenn es euch allein zu viel ist, habt ihr ggf. Backup. Redet zunächst mit Menschen in der Familie, bei denen ihr euch sicher seid, dass sie das Gesagte auch verstehen und entsprechend reagieren. Es kann auch gut sein, mit den Personen oder guten Bekannten der Familie, mit denen ihr darüber geredet habt, das Gespräch zu führen. Backup ist immer gut, damit eure Familien eure Erfahrungen schwer isolieren können.

2) Buch schenken, Links/Screenshots/Artikel zum Thema raussuchen und verschicken

Ich will hier kurz anmerken, dass es NICHT unsere Aufgabe ist, Wissen an unsere Familien zu vermitteln. Wer lernen will, kann sich belesen. Man kann sich über alles informieren. Wer es nicht tut, folgt meiner Meinung nach der freiwilligen Verdummung.

3) Auf Experten aufmerksam machen (s. Tupoka Ogette)

Es gibt Workshops, Bücher und Angebote von Experten, zu denen eure Familien gehen können. Genauso gibt es auch Beratungen von diesen.

4) Rassismuserfahrungen nicht ansprechen und Familienmitglieder nicht als rassistisch bezeichnen (auch wenn es vielleicht die Wahrheit ist)

Rassismuserfahrungen werden oft gegen uns verwendet oder genutzt, um uns zu gaslighten. Wenn eure Familien Beweise dafür haben wollen, dass Schwarze und BIPoC Rassismus erfahren, müssen sie einfach die Nachrichten schauen und sich belesen. Es ist nicht unsere Aufgabe, unsere Traumata als Lerntool auszupacken. Weiterhin reagieren Weiße Menschen grundsätzlich allergisch auf die Worte „Du bist rassistisch“. Stichwort „Weiße Zerbrechlichkeit“ (White fragility). Rassistisch zu sein, scheint die schlimmste Beleidigung zu sein und viele lassen dann nicht mehr mit sich reden.

5) Lasst euch nicht als Token benutzen

Familienmitglieder schieben uns gern vor, um ihren Anti – Rassismus zu stützen. Das finde ich immer sehr sehr dreist. Es ist absolut inakzeptabel die eigenen Kinder oder Geschwister vorzuschieben, um ihnen gegenüber etwas moralisch zu rechtfertigen. Gerade adoptierten Kindern wird dann gesagt, dass die Eltern sie ja nicht adoptiert hätten, wären sie rassistisch. Das geht gar nicht! Lasst euch nicht als Token benutzen.

6) Die eigenen Grenzen wissen und wissen, ab wann Selbstschutz wichtiger ist

Wie ich schon meinte, ist es nicht unsere Aufgabe, Traumata als Lerntool zu benutzen. Euer Selbstschutz, eure Emotionen und eure Retraumatisierung gehen vor. Hört gut auf euren Körper: Wie viel Kraft habt ihr, euch tatsächlich, um euch mit der Familie auseinanderzusetzen?

Vorbereitungstipps: Fragen, die ihr euch in der Vorbereitung stellen könnt

1) Trennung von rationalen und emotionalen Input: Wo genau wünscht ihr euch Verständnis?

2) Wie sind die Argumentationsweisen eurer Familien und euch?

3) Wo und wann fühlt ihr euch damit wohl, Rassismus anzusprechen?

4) Wie liefen vorherige Gespräche ab? (ggf. zu anderen schweren Themen)

5) Was für Wissen kann ich mir aneignen, um besser argumentieren zu können?

Ich finde es ehrlich gesagt schade, dass es sowas wie einen Schlachtplan braucht, um sich zu öffnen. Ich wünsche aber allen, die mit ihren Familien reden wollen oder schon geredet haben, viel Kraft, viel Support von anderen und wenig Enttäuschungen!

Bis zum nächsten Mal!

Elli

10. Eintrag – Healing von rassistischen Bemerkungen von nahestehenden Personen

Welcome back again!

Rassismuserfahrungen durch nahestehende Personen haben wir alle schon gemacht und sie sind besonders schmerzhaft. Letzte Woche ging es um den Umgang damit in der jeweiligen Situation selbst. Aber viel wichtiger finde ich den Umgang danach, wenn man die Situation verlassen hat. Wir werden in diesen Momenten (re-)traumatisiert. Ich muss euch nicht in Lang erklären, wie das aussieht. Kurzum also: Wir fangen an, uns in unseren Ängsten vor erneuter Konfrontation zu verstricken. Unsere Freunde, Bekannten und Familienmitglieder sollten eigentlich ein Safe Space für uns sein, in dem wir vor rassistischen Übergriffen geschützt sind. Diese Enttäuschung, wenn das nicht der Fall ist, trifft um einiges härter als die dumme Bemerkung des Passanten, den wir das erste und letzte Mal in unserem Leben sehen. Den Racial Stress, den wir empfinden, wenn wir Freunde an bestimmten Orten besuchen fahren oder zum Bäcker laufen oder uns in ein neues Seminar an der hauptsächlich Weißen Uni einschreiben, nehmen wir plötzlich auch mit an familiäre/freundschaftliche Orte. Und nicht nur das: Er wird erhöht, weil wir mit diesen Personen immer und immer wieder konfrontiert werden, weil wir uns nicht so leicht von ihnen lösen können. Wie können wir also diese Traumata verarbeiten? Wie können wir von diesen Traumata heilen?

1) Reflexion und Emanzipation

Alles steht und fällt mit unserer Connection und unserer Einstellung zu uns selbst. Wir müssen uns zunächst selbst definieren und verorten. Das heißt, sich von dem Gesagten des Gegenübers zu emanzipieren. Wir müssen von dem Gedanken, unter Weißen Menschen zu stehen und uns um ihre Bedürfnisse sorgen zu müssen, emanzipieren und anfangen uns zu sehen, wie wir sind und nicht, wie wir von ihnen gespiegelt werden. Wir müssen reflektieren, ob das, was uns vermittelt wird, wirklich die Wahrheit ist. Knapp: Wir müssen uns mit unserem Selbstbild und unserem von Weißen kreierten Bild auseinandersetzen.

2) Sichtbarmachung der eigenen Person

Wir sind erzogen worden, gegenüber Weißen unsichtbar zu sein und uns somit auch nicht selbst zu sehen, wie wir eigentlich sind. Wenn wir eine Verbindung zu unserem Schwarzsein und unserer eigenen Wahrnehmung aufbauen, werden wir für uns sichtbar und können uns auch sichtbar machen. Uns als Schwarze Personen sichtbar zu machen, bedeutet, unseren Heilungsprozess und unsere Empfindungen an erste Stelle zu stellen.

3) Treue zu den eigenen Empfindungen

Uns wird von Kleinauf gespiegelt, dass unsere Empfindungen bezügl. Rassismus falsch oder übertrieben sind. Was auch immer wir empfinden, ist aber valide und hat eine Daseinsberechtigung. Zu oft stellen wir die Empfindungen nahstehender, rassistischer Personen über unsere eigenen. Wir dürfen nicht zulassen, dass unsere Emotionen verdreht und von uns in Frage gestellt werden. Wir wissen selbst am besten, was wir empfinden und dazu sollten wir stehen. Nichts absprechen lassen.

4) Auf den Energiehaushalt achten

Wir müssen gucken, wohin wir unsere Energie investieren. Anstatt unsere Energie in den Aufwand zu stecken, die Situation irgendwie für unseren rassistischen Gegenüber angenehm bzw. nicht peinlich zu machen, sollten wir unsere Energie in unsere traumatisierten Ichs stecken. Wir neigen gerade bei nahstehenden Personen dazu, darauf zu achten unseren Gegenüber nicht zu verletzen, obwohl wir die Verletzten sind. Das raubt enorme Energie an der falschen Stelle. Wer nicht in unangenehme Situationen geraten will, sollte nicht rassistisch sein – just sayin.

5) Stichpunkt Energie: Nicht auf kontraproduktive Diskussionen einlassen

Wir müssen uns nicht auf Diskussionen mit Familienmitgliedern oder auch Freunden einlassen, deren Ziel es ist, gegen unsere Empfindungen zu argumentieren und diese so kleinzureden. Wenn wir ihr Fehlverhalten ansprechen, ist es an ihnen, dieses zu reflektieren und zu bessern und nicht an uns, sie zu bilden oder in ihren Einstellungen zu empowern. Btw: Wenn sie anfangen mit „Meiner Meinung nach“ sage ich gleich, dass Rassismus nichts mit ihrer Meinung zu tun hat, sondern mit ihrer Menschlichkeit.

6) Krone aufbehalten (Metapher von einer wunderbaren Sister)

Stellen wir uns vor, jede*r von uns hat eine Krone auf dem Kopf. Können wir mit unserer Haltung uns gegenüber diese Krone tragen, ohne, dass sie runterfällt? Wir müssen stolz auf uns sein. Stolz auf unser Schwarzsein und stolz auf unseren täglichen Kampf. In diesem rassistischen System, das uns unsere Existenz abspricht, ist es eine einzige Protesthandlung, unser Brot beim Bäcker zu kaufen oder die Straße entlangzulaufen. Brust raus, gerader Rücken und erhobenes Haupt. Wir nennen uns gegenseitig Queens und Kings, jetzt wird es Zeit, dass sich das auch in unseren äußeren und inneren Haltungen widerspiegelt.

7) Distanz

Wichtig ist, dass der Heilungsprozess abseits von den besagten nahestehenden Personen stattfindet. Sich zu distanzieren ist schwer, aber wenn wir ständig den Mikro – und Makroaggressionen unserer Familien und Freunde ausgesetzt sind, können wir nicht heilen, weil wir immer und immer wieder von ihnen (re-) traumatisiert werden. Auch damit sind wir nicht alleine und wichtig ist, dass wir uns dabei gegenseitig empowern.

8) Safe(r) Spaces

Alleine zu heilen, ist kein ressourcenbewusster Umgang mit unserer Energie. Wir müssen uns connecten, um uns gegenseitig in unseren Emotionen zu bestärken, uns gegenseitig sichtbar zu machen, gemeinsam zu reflektieren, uns Halt beim Brückenabbauen zu geben und uns die Kronen wieder aufzusetzen. Was Healing angeht, bin ich echt davon überzeugt, dass der Weg das Ziel ist. Ich bin fest davon überzeugt, dass wir mit und durch Andere heilen, indem wir uns verknüpfen und uns empowern, indem wir Spaces für uns finden, wo wir einfach nur ehrliche Bestärkung erfahren und lernen, unsere Heilung und unser Wohlergehen an erste Stelle zu setzen.

Das rassistische System wird für uns immer belastend und energieraubend sein. Wir werden immer wieder neue Traumata machen. Aber wir brauchen unsere Communities, um von diesen Traumata zu heilen – gerade von Rassismus durch nahestehende Personen. Ich wünsche allen viel Kraft im Umgang mit rassistischen Personen und viel Empowerment durch Freunde und andere Schwarze/BIPoC.

Bis zum nächsten Mal!

Elli

Vorabeintrag zum 10. Eintrag


1. Racial Stress: Unter Racial Stress versteht man den Stress, den Nicht – Weiße Menschen haben, weil sie ständigen Mikro – und Makroaggressionen ausgesetzt sind. Die Sorge und die Angst, wieder eine Rassismuserfahrungen zu machen, wenn man zum Bäcker geht oder irgendwo Urlaub macht. Racial Stress ist ernstzunehmen und zeigt sich in unterschiedlicher Form. Vom quälenden Gedanken im Hinterkopf, auf alles gefasst zu sein, bis zu Panikattacken und Ausschlägen auf der Haut.