25. Eintrag – Das Weiße Narrativ von transracial Adoption

Je mehr ich mich mit meiner Adoptionsstory auseinandersetze, desto mehr entferne ich mich vom Weißen Narrativ meiner Adoption. Das liegt vor allem daran, dass viele Dinge, die mir durch eine Weiße Linse erzählt wurden, in meinem Fall einfach nicht stimmen. Das Weiße Narrativ von transracial Adoption ist durchflutet von White Saviorism, White Supremacy und natürlich auch Weißen Sichtweisen.

Ich möchte bevor ich in die einzelne Aspekte gehe, noch anmerken, dass das Weiße Narrativ uns auch erzählt, dass die neuen Eltern von Adoptee-Babies bei 0 anfangen: Das Weiße Narrativ von Adoption bestimmt, wann die Story und das eigentliche Leben des*der Adoptee beginnen – und zwar hier im Globalen Norden. Ich hoffe, in meinen letzten Posts zu Adoption konnte ich dieses Narrativ weitgehend widerlegen. Ich sage hier nochmal, dass auch Adoptee-Babies eine Story haben – sie fangen nicht bei 0 an. Auch wenn mensch Babies gleich nach der Geburt adoptiert: Sie haben schon die Geburt (die vielleicht auch traumatisch und stressig war) durchgemacht und sie wurden von der leiblichen Mutter getrennt, dabei wird eine Bindung gekappt.

Da das gesagt ist: Let’s dive in.

White Saviorism im Weißen Narrativ von transracial Adoption

Das Weiße Narrativ kommt ohne White Saviorism nicht aus. Es ist vor allem dazu da, das Bild von Weißen Menschen als White Savior zu unterstützen und zu verfestigen. Im Weißen Narrativ von transracial Adoption stehen die Weißen Menschen im Globalen Norden (privilegierte Welt) als Retter*innen gegenüber den Nicht – Weißen Menschen im Globalen Süden (deprivilegierte Welt) dar. Durch die Adoption wurde das Nicht-Weiße Baby oder Kleinkind aus einer unzumutbaren Umgebung befreit und ihm*ihr jetzt ein glückliches und besseres Leben ermöglicht und eine Familie hier konnte sich jetzt den lebenslangen Traum und Wunsch eines Kindes erfüllen. Im Weißen Narrativ wird auch immer wieder hervorgehoben, wie viel besser es das Kind jetzt hat und Herkunftsland und das Hier werden gegeneinander aufgewogen. Typische Weiße Narrative meiner Kindheit und Jugend dazu sind: „Wenn wir dich nicht geholt hätten, dann…“ oder „Wer weiß, wo du jetzt wärst, wenn wir nicht…“ oder „Irgendwann wirst du verstehen, was deine Eltern für dich getan haben…“ oder „Hätten wir dich nicht adoptiert, hätten deine Verwandten nicht [xyz tun können]“. #whitesaviorismonitsfinest

White Supremacy im Weißen Narrativ von transracial Adoption

Das Weiße Narrativ wird nicht nur von Weißen Menschen erzählt. Im Globalen Süden ist es ein offenes Geheimnis, dass es Kinder in den Ländern des Globalen Nordens besser haben, und zwar nicht nur, weil die Bevölkerung in diesen Ländern mehr Reichtum hat, sondern vor allem, weil diese Länder besser sind. Anstatt Kinder also national oder innerhalb des Globalen Südens von reiche(re)n Bi_PoC adoptieren zu lassen, fliegt mensch lieber Weiße Menschen des Globen Nordens ein, die das Kind dann an Familien im Globalen Norden geben, obwohl wohlhabende oder auch einfach nicht arme Familien im Globalen Süden, den Kindern ebenfalls eine gute Schulbildung, Essen, medizinische Versorgung und ähnliches vermitteln könnten. Aber das reicht nicht, denn die Schulbildung, das Essen und die medizinische Versorgung sind nicht gut genug, gemessen an europäischen/nordamerikanischen/ australischen Standards. White Entitlement spielt dabei auch eine Rolle. Beispielsweise dabei, dass Weiße Non-Adoptees und Familienmitglieder meinen, bestimmen zu können, wie schwer unsere Adoptionen wiegen und wie wir damit umzugehen zu haben, worüber wir uns zu freuen haben und wie wir darüber denken sollten. Aber auch das selbstgegebene Anrecht auf eine Familie mit Kind(ern), bekommt bei Adoptionen nochmal einen anderen Touch. So passiert es häufiger als gedacht, dass leibliche Familien überzeugt werden, ihre Kinder an Weiße Menschen abzutreten, da das Kind es bei ihnen besser habe. Auf White Supremacy und Entitlement im Kontext von (meiner) Adoption werde ich noch eingehen. Typische Narrative meiner Kindheit und Jugend dazu sind: „Ich wollte schon immer ein Schwarzes Baby“ (White Entitlement) oder  „Es ist schön, dass sich dein Leben zum Besseren gewendet hat“ (White Supremacy) oder „Sei froh, dass du überhaupt zur Schule gehen kannst“ (White Entitlement) oder „Die Kinder in Afrika hungern“ (White Supremacy).

Weiße Sichtweisen im Weißen Narrativ von transracial Adoption

Mit den oben genannten Whiteness-Aspekten geht natürlich auch eine Weiße Sichtweise einher, die das Ganze stützt. Weiße Sichtweisen auf den Globalen Süden sind (oft) mit rassistischen Narrativen und rassistischer Sprache verbunden. Das kommt gerade dann zum Vorschein, wenn es darum geht, sich oder dem*der Adoptee Fragen zu beantworten, auf die mensch keine Antwort weiß. Sätze wie „Wer weiß, wo du jetzt wärst, wenn“ und „Wenn wir dich nicht geholt hätten, dann…“ enden oftmals mit einem Beispiel, das der Weißen Vorstellung des Globalen Südens aber nicht unbedingt der Wahrheit entspricht. Auch durch rassistische Sprache wird ein weitgehend negatives Bild vom Herkunftsland und utopisch positives Bild von dem „Hier“ vermittelt. Typische Narrative/Begriffe meiner Kindheit und Jugend dazu sind: „Busch“ oder „Dr*tte Welt“ oder „sehr arm“ oder „Besch*eidung“ oder gewaltvolles und mittelloses Aufwachsen, Überforderung meiner Herkunftsfamilie, Verhungern meinerseits, geringe Lebensqualität und vieles mehr.

Das Weiße Narrativ ist rassistisch und gewaltvoll, weil es darauf abzielt, Weiße Menschen und den Globalen Norden über den Rest der Welt zu erheben und nicht zuletzt, sich selbst als White Savior zu profilieren. Es ist nicht einmal bewusst, aber dennoch, wie wir gelernt haben, die Welt und Weiße Menschen darin zu sehen.

Familien: Do.the.work

Bi_PoC-Adoptees: Vielleicht kann der*die Eine oder Andere von euch, sich mit ein paar Aspekten des Narrativs identifizieren. Ich kann nur sagen: Erzählt eure Adoptionsstory und eure Sichtweise selbst. Letztlich ist das eigene Adoptee-Narrativ das, worum es wirklich geht.

24. Eintrag – Zentrierung von Whiteness im Gespräch über Rassismus

Im vorletzten Eintrag habe ich darüber geschrieben, wie wir als Bi_PoC unser Bi_PoC-Sein zentrieren können. In Bezug auf unsere Familien und gerade bei Gesprächen über Rassismus und Adoption geht die fehlende Zentrierung unseres Bi_PoC-Seins mit einer Zentrierung der Whiteness von einem oder mehreren Familienmitgliedern einher. Bei Familienmitgliedern gehen wir aufgrund der persönlichen Beziehung auch bei der Erkennung von beispielsweise White Fragility-Symptomen oder auch Weißen Tränen auf diese ein und zentrieren im Gespräch dann, wie sich das Weiße Familienmitglied jetzt besser fühlen kann und ob und wo wir sie verletzt haben könnten. Das Ganze lenkt dann vom eigentlichen Rassismusproblem ab und erhält im Familienkreis einmal mehr White Supremacy. Whiteness ist ganz gängiges Instrument zur Verteidigung des Status Quos. Wir müssen die Struktur entlernen, Weißen Menschen auf unsere Kosten einen moralischen Wohlfühlbereich zu schaffen, denn genau ist die rassistische Denkweise, die wir gelernt haben. Sich mit Rassismus auseinanderzusetzen und rassismuskritisch denken zu lernen, ist unangenehm. Sobald wir es für Weiße Familienmitglieder annehmlich oder bequem machen, ändert sich nichts und alle rassismuskritische Arbeit im Familienkreis wird nicht nachhaltig sein.

Wie kann Zentrierung von Whiteness bei der Konfrontation mit Rassismus aussehen?

Sätze wie „Ich fühle mich jetzt schlecht damit“ oder „Ich fühle mich auf meine Hautfarbe reduziert“ oder „Ich bin nicht rassistisch. Es ist nicht fair, dass du das so darstellst“ und zentrieren die Gefühle der Weißen Person, obwohl es um die Empfindungen der Bi_PoC geht (s. 22. Eintrag). Aber auch Wut oder andere Emotionen der Weißen Person, denen Ausdruck verliehen wird, könn Raum einnehmen, der eigentlich der Bi_PoC gehört. Das bedeutet nicht, dass Familienmitglieder wie Backsteine vor uns sitzen müssen oder sollen, aber dass nicht Raum eingenommen werden sollte, der nicht ihrer ist. Das führt schnell dazu, dass sich Bi_PoC entschuldigt, Gesagtes relativiert oder zurücknimmt, ein schlechtes Gewissen hat oder sich Vorwürfe macht. Letztlich hat es den (unbewussten) Zweck, das Gespräch über Rassismus und das kritische Hinterfragen der eigenen Privilegien zu beenden.

Was können wir Bi_PoC tun, wenn Whiteness im Gespräch zentriert wird?

  1. Wir dürfen unser Unwohlsein mit Whiteness zum Ausdruck bringen und sagen, was wir möchten, damit wir uns wieder wohlfühlen können. „Ich fühle mich nicht wohl, ich möchte gerne/nicht [Wunsch].“
  2. Wir dürfen Whiteness benennen: „Das ist eine sehr Weiße Sichtweise. Für Bi_PoC ist das anders. [Beispiel]“
  3. Wir dürfen Grenzen setzen: Wir dürfen das Gespräch pausieren, beenden. Wir dürfen Menschen sagen, dass sie mit ihrer Aussage zu weit gegangen sind.
  4. Wir dürfen die Whiteness zur Erklärung unserer Empfindungen benutzen: „Ich verstehe, dass du dich jetzt in deiner Hautfarbe nicht wohlfühlst. So geht es mir, wenn ich Rassismuserfahrungen mache.“ Anstatt die Weiße Person also über ihr Privileg hinwegzutrösten, dürfen wir White Fragility-Symptome auch nutzen, um der Person unsere Perspektive verständlicher zu machen.
  5. Wir dürfen die Problematik/die Situation benennen: „Ich möchte nicht, dass du das machst/sagst, weil es meine Sichtweise relativiert (und deine Sichtweise in den Vordergrund rückt).
  6. Wir dürfen auch wütend werden und impulsiv antworten. Wir müssen nicht wie Roboter oder Diplomat*innen auf Whiteness reagieren. Reaktionen, die von Whiteness motiviert sind, verletzen uns und es nicht unsere Aufgabe, alles auszuhalten oder die ganze Zeit Ruhe zu bewahren.

Mit Ich – Botschaften machen wir unsere Perspektive und unseren Standpunkt klar und rücken diese/n wieder in den Mittelpunkt. Wie wir letztlich reagieren, hängt von vielen vielen Faktoren ab: Wie geht es uns? Mit wem reden wir? Welche Beziehung haben wir zu den Personen/der Person? Haben wir Backup? etc. Es gibt kein Patentrezept und am Ende liegt es bei den Gegenübern, ob sie unser Gesagtes aufnehmen oder nicht.

Familien: Do.the.work.

Bi_PoC: Es ist wichtig, dass wir uns immer priorisieren – wenn wir das Gespräch nicht mehr führen möchten, müde sind etc., können wir jederzeit das Gespräch verlassen, ohne uns rechtfertigen zu müssen. Es ist auch nicht unsere Aufgabe, unsere Familienmitglieder aufzuklären. Wir können auf das Thema aufmerksam machen und wenn wir wollen, unsere Erfahrungen teilen, aber es gibt auch Grenzen für uns als Personen, die wir einhalten dürfen. Tipps zur Vorbereitung und zur Ansprache von Rassismus gibt es im Eintrag 11. Bi_PoC haben auf Instagram geteilt, wie sie sich auf die Gespräche vorbereitet haben, was sie anderen Bi_PoC raten würden und welche Warnungen sie aussprechen.

23. Eintrag – Unsere Familien sind Weiße Role Models

Bi_PoC Role Models in unserem Leben sind von hoher Bedeutung. Durch sie sehen wir, was für uns alles möglich sein kann. Zurzeit feiern die Bi_PoC-Communities den Sieg Bidens in der US-Wahl vor allem deshalb, weil eine Schwarze, indisch – amerikanische Frau Vizepräsidentin der Vereinigten Staaten ist. Es geht dabei nicht darum, wie gut sie für das Amt ist oder ob sie ganz viele neue Veränderungen mit sich bringt, sondern es ist eher ein Zeichen für uns, dass wir als Bi_PoC auch Dinge schaffen können, von denen uns immer wieder gesagt wird, dass sie unmöglich für uns sind – unsere Geschichte beweist das immer und immer wieder aufs Neue. Aber auch, wenn Bi_PoC Role Models von Kinderbüchern über private Umfelder bis hin zu Menschen wie Oprah oder Kamala Harris unverzichtbar wichtig für uns sind, will ich heute über Weiße Role Models für uns sprechen.

Als Bi_PoC in Weißen Familienkreisen sind unsere Weißen Familienmitglieder die ersten Weißen Personen, mit deren Whiteness wir in Kontakt kommen. Whiteness und Blackness/Non-Whiteness bedingen sich einander – das eine definiert sich über das andere. Das bedeutet, die Art und Weise, auf die unsere Familien ihre Whiteness ausspielen, wie bewusst ihnen diese Whiteness ist und was sie vermittelt, spiegelt uns wie unser Nicht-Weißsein auszusehen hat.

Wenn Weiße Familien nicht sensibilisiert sind, ihre rassistische und gewaltvolle Whiteness nicht abbauen und sich nicht mit Rassismen auseinandersetzen, sind sie die ersten, die uns gegenüber Rassismus und rassistische Strukturen, Denkweisen, Sprache und Handlungsweisen reproduzieren. Wir lernen von ihnen, ob es in Ordnung ist, dass Weiße Kinder Witze über unsere Hautfarbe machen. Wir lernen von ihnen, ob unsere Emotionen bezüglich Rassismuserfahrungen valide sind oder nicht. Unsere Familien sind diejenige, die uns beibringen, welche Stellung wir als Bi_PoC in einem Weißen Umfeld haben und damit geht eine Verantwortung einher, die sie an niemanden anders abgehen können.

Klassische Beispiele, durch die rassistische Strukturen, Denkweisen etc. reproduziert werden, sind Lobe, die mit biologischen Begründungen versehen sind. Wenn ich beispielsweise einen Sprint gewonnen habe oder gut getanzt habe, haben meine Familienmitglieder gesagt, dass ich die Energie im Blut hätte, was wirklich sehr sehr sehr rassistisch ist – die Grundlage quasi. Aber auch Sätze, wie „Sei nicht so empfindlich“ oder „War ja nur Spaß“ vermitteln uns, dass wir als Bi_PoC angehalten sind, unsere Gefühle für den Spaß oder die Belustigung Weißer Menschen zurückzuhalten und Verletzungen auszuhalten. Es geht dabei aber auch um die Dinge, die unsere Familien nicht sagen, beispielsweise, dass das was Kind xyz gemacht hat nicht in Ordnung war und/oder wir nicht Schuld an der Situation sind. Bei Rassismuserfahrungen, die ich als Kind gemacht habe, war es plötzlich meine Schuld, dass diese Situationen so entstanden sind.

Deshalb ist es unglaublich wichtig, dass Familien sich sensibilisieren und reflektieren. Dass sie die Hautfarben ihrer Kinder anerkennen und deren Lebensrealitäten Raum geben. Weiße Menschen haben mit ihrer Whiteness viele Privilegien und ebenso viel Verantwortung und gerade Familien können diese Verantwortung nicht abgeben.

Familien: Do.the.work.

Bi_PoC: Wir müssen genauso mit unserem individuellen und kollektiven Bi_PoC-Sein auseinandersetzen, wie Familienmitglieder mit ihrer Whiteness. Denn wir internalisieren diese Rassismen, Denkweisen, Sprache und weiteres und damit schaden wir uns nur selbst (s. letzter Blogeintrag). Wir sind entitled, uns als Bi_PoC selbst zu definieren.

Ab jetzt könnt ihr hier kommentieren. Ich habe die Kommentarfunktion eingeschaltet :).

Kurze Eilmeldung

Ich habe in den vergangenen Tagen viel überlegt, wie ich die Organisation von Blog und Instagram ändern kann. In letzter Zeit wurden viele Antirassismusaktivist*innen auf Instagram geshadowbanned und/oder sanktioniert. Deshalb fühle ich nicht mehr, dass Instagram die richtige Plattform für unsere Konversation ist.

Ich habe ab heute die Kommentarfunktion auf dieser Website angeschalten, um die Konversation nach hier zu verschieben, wie es auch eigentlich geplant war. Ich werde weiterhin auf Instagram aktiv sein und auch dort über DMs und Stories und Posts mit euch in Kontakt treten, jedoch wird der hauptsächliche/ausführlichere Teil hier stattfinden.

Das bedeutet auch, dass nun häufiger Beiträge in diesem Blog hochgeladen werden. Auf Instagram poste ich ungefähr fünf Tage die Woche in verschiedenen Abständen – mal sehen, wie es hier wird. Ihr könnt weiterhin auf die IG-Posts und dortige Erklärungen, Tipps etc. zugreifen – diese habe ich nicht gelöscht und/oder entfernt.

22. Eintrag – Zentrierung der eigenen Bedürfnisse und des eigenen Bi_PoC-Seins

In meiner Arbeit spreche ich offensichtlich nicht für alle Bi_PoC in/aus Weißen Familienkreisen, sondern nur aus meiner Perspektive. Essenzieller Teil meiner Arbeit, meines Wachstums und auch meiner Auseinandersetzung mit Rassismus, Adoption und beidem zusammen, ist die Priorisierung und Zentrierung der Bedürfnisse und Gefühle von mir als Elli aber auch von mir als Schwarze Person. Überhaupt bin ich davon überzeugt, dass der rassistische Status Quo und auch die rassistischen Problematiken und Strukturen in Familien nicht nachhaltig abgebaut werden können, wenn die betroffenen Bi_PoC nicht priorisiert und zentriert werden. Dafür müssen sich auch Bi_PoC von internalisierten Systematiken, Rassismen und rassistischen Strukturen befreien und ihre Bedürfnisse zentralisieren – nicht auf eine egoistische Art und Weise, sondern auf eine selbstwertschätzende.

Ich habe ein wenig reflektiert und nachgedacht und die 3 für mich wichtigsten Dinge zusammengefasst, die ich täglich bis wöchentlich mache, um meine eigenen Empfindungen und Bedürfnisse mehr zu zentralisieren, priorisieren und wertzuschätzen. Diese teile ich heute als Inspiration, Tipp und zur Weiterentwickelung mit euch.

1. Sich mit dem eigenen Bi_PoC-Sein auseinandersetzen

Damit begannen dieser Blog und die Instagram Plattform dazu ursprünglich und weiterhin. Wie sieht mensch das eigene Schwarzsein, Indigensein und/oder Person of Color-Sein? Was gehört dazu? Was fällt für einen raus? Was mag man, was findet man selbst nicht so toll? Gerade in Weißen Familienkreisen, die sich ausschließlich oder mehrheitlich in Weißen Umfeldern bewegen, werden wir oft mit verschiedensten Ideen und Meinungen zu unserem Bi_PoC-Sein konfrontiert, ohne den Raum, uns selbst darüber Gedanken machen zu können oder dürfen. Sich damit auseinanderzusetzen und es selbst zu definieren, weiterzuentwickeln und darin zu wachsen, ist super wichtig, um sich von internalisierten Rassismen loszusagen und in einen Empowermentprozess zu kommen.

2. Sich mit anderen über das eigene Bi_PoC-Sein austauschen

Es kann sehr empowernd (stärkend) sein, sich mit anderen Bi_PoC darüber auszutauschen oder auch Weißen Freund*innen davon zu erzählen und sie im eigenen Wachstum mitzunehmen. Damit geben wir uns Raum, unserem Bi_PoC-Sein auf verschiedenste Art und Weise Ausdruck zu verleihen. Bei dem Austausch geht es tatsächlich nur um einen Austausch und daraus resultierendes Empowerment. Es geht nicht darum, andere Bi_PoC oder Weiße Menschen von dem „idealen Bi_PoC-Sein“ zu überzeugen oder sich von irgendwas überzeugen zu lassen. Wir sind keine homogene Gruppe – wir haben unterschiedliche Ansichten, Bedürfnisse und Vorstellungen. Um herauszufinden oder weiterzuentwickeln, was das eigene Bi_PoC-Sein für einen bedeutet und was es beinhaltet, kann es hilfreich sein, einen Kontrast dazu zu hören oder eben in den eigenen Vorstellungen, Auslebungen und Aspekten bestätigt zu werden.

Kommt bei Bedarf gern in die Blackinwhitefamily Safer Spaces immer montags ab 18 Uhr.

3. Self Care und Healing

Self Care ist aus meiner Perspektive nicht nur essentiell für die mentale Gesundheit, sondern auch für den Energiehaushalt, ein Gespür für die eigenen Bedürfnisse, Selbstwertschätzung und den eigenen Wachstum. Ich habe jeden Tag mindestens einandhalb Stunden Self Care für mich eingeplant, in denen ich schreibe, Musik höre, etwas mit meiner Mitbewohnerin unternehme, schlafe, koche, esse, einen Film schaue, spazieren gehe, meine Haare oder viele andere Dinge mache. Einfach etwas, wonach mir gerade ist. Gerade was mein Schwarzsein betrifft, kann ich, seit ich aktive Self Care betreibe, besser formulieren, was ich möchte oder auch nicht. Ich habe an meiner Blackness viele neue tolle Dinge entdeckt, indem ich ihr in meiner Self Care und darüber hinaus mehr Raum gebe, sich zu entfalten. Das hilft mir vor allem dabei, von verletzenden oder dehumanisierenden Aussagen anderer Menschen bezüglich meines Schwarzseins oder Schwarzer Features, wie meinen Haare, zu heilen und in meinem Schwarzsein und als Person selbstbewusster nach außen aufzutreten. Was Self Care für Dimensionen haben kann, findet ihr auf der Instagram Plattform.

Je mehr ich mich mit Rassismus auseinandersetze, desto mehr verändert sich mein Umfeld. Ich denke, dass das auch viel damit zu tun hat, dass ich diese drei Dinge täglich bis wöchentlich mache. Ich merke, wie es mir in meiner Haut besser geht. Wenn ich dehumanisierende Rassismuserfah -rungen mache, kann ich nun besser damit umgehen und mich klar von dem Bild meiner Blackness, das die Person hat, differenzieren.  

21. Eintrag – Eure Liebe rettet mich nicht vor eurer Whiteness

Whiteness/Weißsein ist ein Konstrukt, das sich sich über den niedrigeren Status Nicht-Weißer Menschen definiert. Jede einzelne Weiße Person lebt in diesem Status der Whiteness und es benötigt einen aktiven, lebenslangen Prozess, diese Whiteness und damit auch das Weiße System alias Rassismus abzubauen. Zu denken, dass Liebe vor der eigenen Whiteness schützt, kommt daher, dass man denkt, dass Rassismus mit Hass einhergeht. Dass das nicht stimmt, wurde jetzt schon von vielen Expert*innen und Aktivist*innen etabliert.

In allen guten und schlechten, empowernden und auch schmerzhaften Gesprächen mit Familienmitgliedern über Rassismus hat nicht eine Person das, was sie gesagt hat, gesagt, um mich zu verletzen oder weil sie mich hasst. Aber trotzdem waren und sind die Konversationen durchtränkt von Whiteness – von Weißem Rettertum, Weißen Tränen, Weißer Zerbrechlichkeit, Weiß-privilegierten Aussagen, Weißen Sichtweisen und nicht zuletzt Weißer Bequemlichkeit.

Total unbewusst wurde mir mit dem Ausspielen von Whiteness ein niedrigerer Platz zugewiesen, ich dehumanisiert, gegaslighted, für dumm verkauft und auch als psychisch unzurechnungsfähig erklärt. Nicht aus Böswilligkeit, nicht aus Hass, auch nicht aus Liebe, sondern aus Whiteness heraus.

Liebe oder auch die Nähe zu einer Person ist kein Impfstoff gegen Whiteness und schützt den*die Bi_PoC auch nicht davor. Tatsächlich vergrößert sich sogar der zugefügte Schaden, je mehr Bi_PoC man als Weiße, unsensibilisierte Person im Umfeld hat.

Es ist wichtig, dass Weiße Familienmitglieder, Freunde, Bekannte und das Weiße Kollektiv das verstehen und aktiv daran arbeiten, ihre Privilegien, ihren Status und die Machtverhältnisse zu erkennen und ihnen kritisch entgegenzutreten, um sie letztlich abbauen zu können – angefangen bei sich und im Familienkreis. Nicht nur jede*r für sich, sondern auch als Familie zusammen. Die Arbeit liegt bei ihnen, nicht bei ihren Bi_PoC-Familienmitgliedern. Whiteness abzubauen heißt, Gleichheit zu schaffen.

An alle Bi_PoC: Ich habe bisher immer versucht, Whiteness und die Beziehung von mir und Familienmitgliedern aufzuwägen. Ich habe mich gefragt, ob und wie es sein kann, dass mehreren von ihnen ihre Weiße Bequemlichkeit und ihr Privileg wichtiger sind als mein Wohlbefinden und meine Sicherheit. Um meiner mentalen Gesundheit wegen, versuche ich, das nicht mehr zu tun. Es hat nämlich nichts mit meinem Verständnis von Liebe zu tun. Das Dilemma beginnt auch gar nicht bei mir, sondern bei der Denkweise, dass sich Whiteness und Liebe gegenseitig ausschließen. Wenn ich über von Familienmitgliedern geschriebene Briefe oder auch Gespräche zu Rassismus und meinen Rassismuserfahrungen nachdenke und reflektiere, fällt mir auf, wie sehr auch das Verständnis und/oder der Ausdruck von Liebe gegenüber mir als Bi_PoC von Whiteness geprägt ist. Das macht es nicht weniger schmerzhaft, aber zumindest kann ich jetzt sehen, dass es auch Teil des Systems ist.

Ich habe gelernt: Ich muss nicht von Hass erfüllt sein, um rassistisch zu sein. Ich muss ebenso nicht von Liebe erfüllt sein, um antirassistisch zu sein. Ich muss nicht jemanden hassen, um Weiß zu sein und ich muss niemanden lieben, um Bi_PoC zu sein. Oder in anderen Worten: Man kann jemanden lieben und dennoch Weiß und/oder rassistisch sein. Man kann jemanden nicht mögen und dennoch Bi_PoC und/oder antirassistisch sein.

An alle Weißen Familienmitglieder, die das lesen und nicht wissen, was sie machen können, um ihre Whiteness abzubauen: Auf Instagram unter dem Post „Was tust Du um Deine Whiteness und rassistische Strukturen in Deinem Familienkreis abzubauen?“ haben viele Eltern von Bi_PoC-Kids geschrieben, was sie so alles machen, um eine rassismusfreiere und empowerndere Welt für ihre Familienmitglieder zu schaffen. Unter dem Highlight „White Work“ findet ihr ebenso hilfreiche Tipps. Do the work.

20. Eintrag – Mein Körper erinnert sich an das Trauma meiner Entwurzelung und Integration

Triggerwarnung: Adoptionstrauma

Ich bin mit ungefähr neun Monaten aus Gambia ausgereist. Ich habe schon mal in diesem Blog angesprochen, dass meine Adoption und meine Integration hier in Deutschland für mich sehr traumatisch waren und mir schon immer – auch als Kind – auf ganz seltsame Art und Weise bewusst war, dass ich etwas in Gambia zurückgelassen hatte. Diesen Zustand der Entwurzelung hatte ich sehr lange als Kind und auch bis in meine Jugend hinein. Ich hatte oft Albträume, in denen ich leibliche Verwandte – hauptsächlich meine leibliche Mutter – verlor sowie Panikattacken, weil ich Angst hatte, dass ich meine Tante und meine restlichen Verwandten nie wiedersehen würde. Jahrelang habe ich darauf bestanden, wieder zurückzufliegen.

Als ich Gambia zum zweiten Mal in meinem Leben verließ, habe ich plötzlich schrecklich angefangen zu weinen, obwohl es mir bei den Verabschiedungen von meinen leiblichen Familienmitgliedern gut ging. Sobald das Flugzeug den gambischen Boden verlassen hatte und ich die Lichter von Serekunda und Banjul unter mir sah, hat sich plötzlich ein ganz schreckliches Gefühl in mir breit gemacht. In dem Moment konnte ich nicht sagen oder einordnen, was passierte und mich so mitnahm. Ich wusste doch, dass ich wieder zurückfliegen kann. Ich habe mich trotzdem gefühlt, als würde ich mein Zuhause verlassen – widerwillig und auf unbestimmte Zeit. Als würde ich gezwungen und wüsste nicht, was mich dann am anderen Ende erwartet – obwohl, ich hier Dinge und Personen habe, auf die ich mich gefreut habe. Es war grauenhaft.

Dann kamen die Corona-Einschränkungen und ich war im Home Office und es hat mich in eine regelrechte (Identitäts-) Krise verschlagen. Ich habe mein Zimmer nicht so viel verlassen, habe wenig gegessen, hatte Heulkrämpfe und Panikattacken, konnte nachts nicht schlafen und war ständig weit nach Mitternacht spazieren. Ich hatte plötzlich das Gefühl, dass ich nicht hier sein sollte. Es hat sich falsch angefühlt, dass ich hier bin und der Rest meiner Familie nicht. Ich habe mich plötzlich entwurzelt gefühlt, fehl am Platz, nirgendwo zugehörig und einfach falsch. Zwanghaft habe ich gepuzzelt und gepuzzelt – mehrmals dasselbe Puzzle, als könnte ich so mein Leben irgendwie wieder zusammenstecken. (Ich mache das immer, wenn mich etwas sehr erschüttert: Ich puzzle etwas zusammen.) Ich habe die Küchenutensilien neu geordnet. Am liebsten hätte ich sofort meine Sachen gepackt und den nächsten Flug gebucht, um wieder zurückzufliegen. Ich würde die Sprachen einfach lernen, mir einen Job suchen und einfach dorthin zurückgehen.  

Aus meinem heutigen Blickwinkel und meinem heutigen Wissen würde ich sagen, dass dieses Gefühl beim Abheben des Flugzeugs Entwurzelung war und der Zustand, in dem ich mich befand, Retraumatisierung. Ich bemerke eine ähnliche Retraumatisierung in vielen Situationen in meinem Leben, wenn ich Panikattacken habe oder vollkommen irrationale Angstzustände. Auch wenn es meist unterschwellig ist, weiß ich, dass mein Körper sich an das Trauma meiner Entwurzelung und Integration erinnert.

19. Eintrag – Bi_PoC sind keine Projekte für und kein Investment in das moralische Ego Weißer Menschen

Die Art und Weise, auf die Weiße Menschen als Kollektiv uns entmenschlichen und uns mit ihrem White Savior – Komplex zu ihren persönlichen Projekten machen, macht mich wütend, es macht mich traurig und auf eine bestimmte Art ekelt es mich auch an. Es geht nicht nur um den perversen Afrikaporno, den wir ständig auf UNICEF Plakaten und Werbungen zu sehen bekommen und der Bi_PoC weltweit zu einem Investment macht, damit Weiße Menschen sich abends, bevor sie ins Bett gehen, sagen können, dass sie unsere Leben neu bilden und neu bauen, dass sie unsere Leben besser machen. Es geht um die subtile und auch direkte Art, die uns vermitteln soll, dass wir ohne Weiße Menschen ein schlechteres, tristeres und wertloseres bis gar kein Leben gehabt hätten. Es ist essenziell für die Erhaltung von White Supremacy und White Entitlement/Berechtigung, dass Weiße Menschen sich uns gegenüber als Retter aufspielen können.

White Saviorism kennt keine endenden Dimensionen und er ist so dehumanisierend, so schädigend und so gewaltvoll. Er begegnet mir jeden Tag überall. Es sind die Adoptionsvermittlungsstellen, die schon allein mit ihrem Namen Eltern damit anziehen, dass sie Weiße Retter*innen sein können, als hätten sie mit einer Adoption den ganzen Kontinent aus der Misere geholt. Es sind die FSJler, die auf ihrem Instagram Feed Fotos posten, auf denen sie mit den armen, aber doch so glücklichen Schwarzen Kindern in der Kamera posieren, aber kein einziges Bild von dem weltrettenden Brunnen zu sehen ist, den sie so eigenhändig gebaut haben. Es ist der Mann in der Bahn, der sich einfach neben mich setzt und mir ins Gesicht sagt, dass er sich freut, dass wir endlich so viele Flüchtlinge aufnehmen, um abends ins Bett gehen zu können und sich zu sagen, dass er mit seiner verschobenen Offenheit heute wieder was für das Wohlbefinden einer Schwarzen Person gemacht hat. Es sind die Arbeitgeber*innen, die mir sagen, dass sie sich freuen, dass sich durch meine Adoption mein Leben zum Besseren gewendet hat. Es sind die Bekannt*innen, die meinen Eltern und mir sagen, dass ich schon irgendwann verstehen werde, was sie für mich getan haben. Es sind die Familienmitglieder, die mich sogar als psychisch labil darstellen und mir ja so dringend helfen wollen, um mich aus der Rassismusmisere zu befreien. Das alles und mehr ist White Saviorism und es ist gewaltvoll!!!

Die Obsession Weißer Menschen, unsere Leben, unsere Körper, unseren Ton, unser Essen, unser Aussehen und unsere Existen zu dirigieren und zu verbessern, steht mir echt bis sonst wo. White people, ihr habt wichtigere Dinge zu tun: Zum Beispiel das System abzubauen, dass eure Vorfahren so sorgfältig für euch aufgebaut haben und das ihr jeden Tag stützt, dessen Privilegien ihr beschützt und verteidigt wie euren Augapfel (mehr noch, wage ich zu behaupten). Jedes Mal, wenn wir Debatten über Rassismus führen, debattieren wir in Wahrheit die Menschlichkeit Weißer Menschen und die Anerkennung derselben Menschlichkeit in Bi_PoC. White Saviorism ist einer der Faktoren, die Black People of Color, Indigenous People of Color und People Color diese Menschlichkeit einfach nehmen.

Bis zum nächsten Mal!

Elli

18. Eintrag – Ich will Aufmerksamkeit!

Ich bin zurzeit viel im Gespräch mit Weißen Elternteilen hauptsächlicher Schwarzer Kinder, die mich anschreiben für Alltagtipps oder einfach ein offenes Ohr brauchen oder mir ein Heads Up geben. Sie haben mich total inspiriert für eine flächendeckendere Arbeit, für eine Kooperation mit zwei wunderbaren Freund*innen, mit denen ich für diese Eltern jetzt einen Empowerment Space errichte. Obwohl diese Elternteile total divers sind, fällt mir eins immer wieder auf: Die unerschöpfliche Aufmerksamkeit, die sie für das Bi_PoC-Sein ihrer Kinder entwickeln und ausbauen wollen. Von der Haarpflege bis hin zu den Auswirkungen von Rassismuserfahrungen über den Wunsch des Weißseins ihrer Kinder setzen sie sich damit auseinander und sind bereit, dazu zu lernen, in den Austausch zu treten. Es ist eigentlich eine Selbstverständlichkeit, aber es ist nicht die Norm.

Ich merke immer wieder, wie Weiße Familienmitglieder als Kollektiv unserem Bi_PoC-Sein und unserer Menschlichkeit darin nicht die Aufmerksamkeit und auch nicht die Wertschätzung schenken, die wir verdienen. Wir bekommen die Aufmerksamkeit, von der sie profitieren, die Aufmerksamkeit, die ihre Weißen Privilegien und ihre Weißen Komfortzonen nicht zu sehr einschränkt. In diversen Gesprächen mit Weißen Menschen – auch mit meinen eigenen Familienmitgliedern – ist mir schon oft eine Haltung begegnet, die sagt: Du willst doch nur Aufmerksamkeit. Manche haben es auch laut ausgesprochen, manche haben es ganz manipulativ angebracht und mich hinterher für dumm verkauft, dass ich ihnen eine solche Aussage unterstellen würde. Ich sage es, wie es ist: Ja, ich möchte Aufmerksamkeit. Aber nicht nur das. Ich will Veränderung und ich will Anerkennung für die Exzellenz, Menschlichkeit und Personifizierung unseres Bi_PoC- Seins. Glaubt mir, ich spreche die Probleme, Phänomene, Erfahrungen und Auswirkungen vom Aufwachsen und Leben in einem unsensibilisierten Umfeld nicht an, weil es so eine Freude für mich ist, mich von Weißen Menschen gaslighten, terrorisieren, dämonisieren oder hinterfragen zu lassen. Ich will die ungeteilte Aufmerksamkeit Weißer Menschen – und vor allem die unserer Weißen Familienmitglieder – für die Dinge, die Bi_PoC in ihrem Leben durchmachen müssen, weil sie zu bequem sind, uns eben diese Aufmerksamkeit zu schenken. In meiner Arbeit will ich Aufmerksamkeit für die Probleme in Weißen Familien mit Bi_PoC – Kindern, die aus genau dieser Bequemlichkeit entstehen und gewaltvoll uns gegenüber sind. Und zwar, weil es sich ändern muss – diese Erhaltung von White Supremacy im Familienkreis.

Ein prominentes Beispiel, das auch wirklich nie alt wird, ist die grauenhafte Behauptung: „Ich bin nicht rassistisch, ich habe ein Schwarzes Kind/Schwester*/Bruder*/etc.“ Unser Leben lang werden wir in Weißer Sozialisierung weißradiert, ohne Rücksicht auf unsere Gefühle, die Auswirkungen oder unsere Person. Rassismuserfahrungen, die wir aufgrund unseres nicht – Weißseins machen, werden abgesprochen und/oder ignoriert. Warum? Es passt nicht mit der Erhaltung von Weißen Komfortzonen und Weißer Überlegenheit zusammen, diese anzuerkennen. Erst, wenn diese zu wanken droht, kommt die schädigende, gewaltvolle Haltung zum Vorschein, deren Nachricht ist: „Schaut mal wie toll mein Weißsein ist. Ich habe sogar eine Beziehung zu jemandem, der Bi_PoC ist!“ Es ist so dehumanisierend, weil es uns mal wieder instrumentalisiert. Wir werden als Alibi für die Erhaltung der White Supremacy in den eigenen vier Wänden benutzt und das ist wirklich nichts, womit man sich als Weiße Person rühmen sollte. Es ist naheliegend, dass bei einer moralischen Hinterfragung Weißer Familienmitglieder gleich das Bi_PoC – Kind vorgeschoben wird, um die Moral zu bestärken, wenn man bedenkt, dass das ganze System Rassismus auf einer moralischen Bestärkung von Gewalt beruht. But I am not having it!

Es empowert mich total, im Gespräch mit denjenigen Weißen Familienmitgliedern und Eltern von teils sehr jungen Bi_PoC – Kindern zu sein, die sich auf den Weg machen und mit mir ins Gespräch kommen, eben weil sie ihren Kindern die Aufmerksamkeit schenken wollen, die ihre Lebensrealitäten verdienen. Ich spreche mit Eltern, die fünfjährige Kinder haben und schon drei Workshops und Antirassismustrainings besucht haben, mehrere Plattformen anschreiben, sich um Eltern – Kind – Gruppen bemühen, kilometerweit fahren, damit ihr Kind jemanden zum Spielen hat, der*die eine ähnliche Lebensrealität teilt. Die im akademischen Leben ihrer Kinder hinterher sind, damit ihr Kind auch ja die Bildung und die Anerkennung bekommt, die es verdient. Es ist ein Privileg, als Bi_PoC Weiße Elternteile zu haben und dieses Privileg wird von so vielen Eltern gar nicht in Anspruch genommen, weil es Arbeit und Aufmerksamkeit erfordert. Danke für euch, die ihr euch reinhängt, bleibt dran, denn ihr schafft ein wertvolles Umfeld für eure Kids und eure Bi_PoC – Verwandten!  

Das ist heute alles, was ich dazu sagen will.

Bis zum nächsten Mal!

Elli

17. Eintrag – Rassismuskritisch denken

Welcome back! Ich liege hier in meinem Bett, höre meine „The black vibe“ – Playlist und reflektiere meine bisheriges rassismuskritisches Denken. Ich habe heute (Freitag, 02.10.) zur gewaltvollen Bedeutung des Satzes „Ich bin nicht rassistisch. Zu diesen Menschen würde ich mich nicht zählen“ gepostet und erklärt. Gestern habe ich zu White Supremacy in Form von toxischer Weißer Weiblichkeit gepostet und mit Menschen diskutiert. Vorgestern habe ich den Blackinwhitefamily MoneyPool eingerichtet. Dann hatte ich gestern ein Meeting mit zwei Freunden, mit denen ich ein rassismuskritisches Empowerment – Projekt auf die Beine stelle. In dieser Woche hatte ich so viel schriftlichen Austausch mit Weißen Eltern zum Thema Empowerment Schwarzer Kinder wie noch nie in meinem Leben. Ich arbeite rassismuskritisch und es ist wertvoll. Ich setze mich jeden einzelnen Tag mit Rassismus und dem Abbau von internalisierten Rassismen auseinander. Nein, ich arbeite jeden Tag für den Abbau von internalisierten Rassismen. Ich bin eine politische und aktivistische Person – durch meine Arbeit und vor allem durch den Fakt, dass ich in einem System atme, das dafür geschaffen ist, meine Existenz problemlos abzusprechen. Das ist eine Erkenntnis, die ich habe, seit ich angefangen habe, rassismuskritisch zu denken.

Als Weiß sozialisierte Schwarze ist es mir von kleinauf beigebracht worden, Rassismus nicht kritisch zu begegnen, sondern mir das schädigende Privileg aufzuzwingen, Rassismus zu leugnen. So sehr, dass ich mich bis zu George Floyds Tod vehement und krampfhaft von „den anderen Schwarzen“ oder auch „den Blacks in America“, wie ich sie genannt habe, abgespalten habe. Ich war davon überzeugt, dass andere Schwarze auf hypersensible Art und Weise Rassismus überall sehen. Und das ist, wo ich White Supremacy aktiv und passiv unterstützt hab. Dann habe ich die Massen bei den Demos gesehen und es war echt als hätte jemand die Schraube gelöst, die festgesessen hat. Rassismuskritisches Denken kommt mir jetzt, wo ich in dem Feld arbeite, als ein dreistes Minimum vor. Aber es ist für Weiße und für Nicht – Weiße Menschen, die wir alle rassistisch sozialisiert sind und gelernt haben, dass so wie die Dinge laufen schon in Ordnung ist, ein gewaltiger Sprung, diese Balance überhaupt in Frage zu stellen. Wo sollen wir es lernen? Wäre das System so ausgerichtet, dass hier jede*r eines Morgens aufwacht und einfach sagt „Hm, sehe ich nicht so, lass das mal ändern“, dann wären wir Jahrhunderte später nicht immer noch an diesem Punkt.

Durch Weiße Sozialisierung und White Supremacy habe ich als Schwarze gelernt, mich selbst zu gaslighten und Rassismus zu leugnen bzw. gar nicht erst zu erkennen. Egal, wie falsch es sich angefühlt hat, dass Menschen mich anstarren, das N – Wort sagen, mich ausgrenzen oder sogar gewalttätig werden: Das ist doch kein Rassismus! Hat es mir gefallen? Nein. Hab ich mich wohlgefühlt? Nein. Hab ich gedacht, irgendwas ist hier falsch, warum ist das so? Auch nein. Es ist schmerzhaft für mich, mir anzueignen, Rassismus zu erkennen. Nicht unangenehm, wie für Weiße Menschen, die sich dann irgendwie schuldig fühlen und mit ihrer Moral auf Kriegsfuß stehen. Es ist schmerzhaft, trotz all des wundervollen Daseins, das ich am Schwarzsein entdeckt habe und immer neu entdecke. Ich laufe durch die Gegend und ich laufe auf Hochtouren. Ich denke mir Sprüche, die ich sagen kann, Orte, wo ich hinrennen kann, wenn jetzt jemand etwas Entmenschlichendes sagt oder mich angreifen will. Die letzte Woche war ich krank. Und ich war zweimal im Krankenhaus. Seit ich mich belese und mir aneigne, Rassismus zu erkennen, bin ich im höchsten Maße aufmerksam, wie mich Menschen vor allem als darkskinned Schwarze Frau behandeln. Auf dem Weg zum Krankenhaus war alles, was ich denken konnte: Hoffentlich nehmen die mich ernst. Als die Medikamente nicht gewirkt haben, war alles, was ich denken konnte: Wirken die Medikamente nicht, weil sie mir eine geringere Dosis eingeflößt haben? Einen Moment später hatte ich total Panik, dass es in einer Woche heißt, ich hätte zu weit fortgeschrittenen Krebs oder so und niemand habe es gesehen, weil die Ärzte meine Schmerzen nicht ernst genug genommen haben, um genau hinzuschauen. Alle Weißen Menschen, die das gerade lesen: Ihr wisst nicht, was für ein energieraubender Stress für Körper und Geist das ist. Wenn eure Existenz politisch ist und ihr sie jede Minute rechtfertigen müsst. Für Nicht – Weiße Menschen ist es eine tägliche Einschneidung in den Seelenfrieden, rassismuskritisch aufzuwachen und Rassismus sowie die eigenen Rassismuserfahrungen anzuerkennen. Rassismuskritisch zu denken ist schmerzhaft, weil Freundschaften und Beziehungen zu Familienmitgliedern plötzlich nicht mehr das sind, was sie mal waren. Weil man genauer sieht, wo die Prioritäten für diese liegen und wie viel sie bereit sind zu tun, um ein weniger schädigendes Umfeld für einen zu schaffen, damit es einem gut geht. Weil man sieht, wie hart man arbeiten muss, um wirklich halb so weit zu kommen wie die Weißen Menschen um einen rum. Ich dachte, „die anderen Schwarzen“ übertreiben, aber ich sehe es jetzt und ich erkenne an, dass ich die mangelnde Wertschätzung und die Marginalisierung Bi_PoC’s – meine eigene mit eingeschlossen – lange verdrängt und unsichtbar gemacht habe. Rassismuskritisch zu denken, müssen wir alle lernen.  

Sobald ich Rassismus und meine eigenen Rassismuserfahrungen sowie die Stellung von Bi_PoC in diesem System anerkannt habe, ging alles so schnell. Für mich war sofort klar: Ich muss antirassistisch arbeiten, damit sich hier was ändert. Ich muss was sagen, ich muss was machen. Und hier ist der Punkt, wo ich am stärksten gemerkt habe, wie rassismuskritisches Denken bei Nicht – Weißen und Weißen Menschen verschiedene Gewichtung erfährt. Ich arbeite an mir und meiner Umwelt, weil es klar mich selbst betrifft, aber auch, weil ich eine Zukunft habe, für die ich arbeite. Deshalb ist es auch so verletzend, wenn ich sehe, welche Familienmitglieder sich nicht der Aufgabe verschreiben, rassismuskritisch und irgendwann vielleicht sogar antirassistisch an sich und ihrer Umwelt zu arbeiten – ALLY zu sein. Die Frage, die ich mir dann oft stelle, ist: Sind denen meine Sicherheit und mein Wohlbefinden nicht wichtig genug? Oder anders ausgedrückt: Sind ihnen ihre Privilegien, wie das Privileg, einfach wegzuschauen, wichtiger?

Rassismuskritisches Denken und antirassistische Arbeit sind eine lebenslange Bindung, die man eingeht – für jeden. Und sie kennt keine Grenzen, sie erweitert sich, je mehr man an sich arbeitet, je mehr man hinterfragt und letztlich ändert. Deshalb kann niemand jemals von sich behaupten, einen Status der Vollkommenheit diesbezüglich erreicht zu haben. Es ist ein niemals endender Prozess. Er beinhaltet kleine Dinge, wie mir anzueignen, Begriffe wie „Entwicklungsland“ durch „Land des globalen Südens“ zu ersetzen und im nächsten Schritt die Haltung dahinter zu ändern. Er beinhaltet aber auch richtig anstrengende Aspekte, wie internalisierten Selbsthass und toxische Weiblichkeitsideale, die vor White Supremacy nur so triefen, abzulegen. Es ist gefährlich und es gewaltvoll von sich zu behaupten, man habe die Arbeit nicht mehr nötig, weil man einen Aha – Moment hatte oder ein Schwarzes Familienmitglied hat oder eben vom System schädigend betroffen ist. Rassismuskritisch zu denken anzufangen, ist wichtig für mich, weil es für mich als Schwarze bedeutet, meine Menschlichkeit und meine Existenzberechtigung nicht mehr in Frage zu stellen.

Bis zum nächsten Mal!

Elli

Side note an alle Weißen Menschen, die das lesen: Fragt euch, wo und wie ihr Rassismus in eurem täglichen Leben in Frage stellt. Was tut ihr, um eure Rassismen abzubauen? Wenn ihr mit Bi_PoC ins Gespräch über Rassismus geht, ist es euch dabei wichtiger, eure Sicht der Dinge deutlich zu machen und zu validieren oder zu verstehen und zu hinterfragen, was eure Sicht der Dinge für die Lebensrealitäten Bi_PoC im rassistischen System bedeutet?