35. Eintrag – Unsere Lebensqualität daran zu messen, wo wir hätten sterben können, ist gewaltvoll und es ist nicht, was wir verdienen

*English version below*

Ich habe lange überlegt, ob ich den Beitrag veröffentlichen soll. Ich habe mich dafür entschieden, weil mir das Thema – als Schwarze Person, Schwarze transracial Adoptierte und Aktivistin für beides – zu wichtig ist. Ich spreche aber eine Triggerwarnung aus: In diesem Beitrag werden Adoption, Gewalt, Rassismus, Tod und Suizid thematisiert.

Ich bin 20. Die letzten drei Jahre habe ich damit verbracht, mir ein Leben aufzubauen, dass ich mag und daran arbeite ich immer noch – was nicht schlimm ist, denn ich bin erst 20. Die zwei Jahre davor habe ich Resilienz entwickelt und mir vorgenommen, aus der Situation das beste zu machen und die Möglichkeiten des Globalen Nordens für mich zu nutzen. Die restlichen 15 Jahre meines Lebens habe ich es gehasst im Globalen Norden zu sein und mir gewünscht, ich wäre in Gambia gestorben.

Mir ist bewusst, dass mein Leben, inklusive aller Gewalt- und Rassismuserfahrungen aber auch schöner Erfahrungen, auf meiner Adoption basiert. Seit ich denken kann, wurde mir von Verwandten und Außenstehenden gesagt, dass ich jetzt tot wäre, wäre ich nicht adoptiert worden. Es ist ein Narrativ, das in vielen Situationen, in denen ich meine Probleme geteilt habe, angebracht wurde, weil ich dankbar dafür sein sollte, überhaupt ein Leben zu haben. Es passt nicht ins Bild Weißer Retter*innen, dass Adoptees nicht glücklich mit ihrer Adoption sind. Ich kann nicht zählen, wie vielen erwachsenen Personen ich in meinem Leben erzählt habe, dass ich es hier nicht mag und wieder zurück nach Gambia fahren will und diese es abwinkten mit einem „Du solltest dankbar sein. Hätten sie dich nicht adoptiert, wärst du jetzt tot“ oder „Irgendwann wirst du verstehen, was sie [deine Eltern und die Ordensschwester] für dich getan haben“. Leider verstehe ich es jetzt und ich weiß, dass mein Leben daran zu messen, wo ich gestorben wäre, mein Leben auf eine Existenz herunterstuft. Zu sagen, dass ich und andere Nicht-Weiße transracial Adoptees allgemein glücklich sein sollten, nicht gestorben zu sein, ist das gleiche, wie zu sagen „Sei froh, dass du existieren darfst“.

Transracial Adoptees aus dem Globalen Süden sind zum einen dem Trauma von Verlusten ausgesetzt, die wir nicht betrauern dürfen und zum anderen dem Trauma von dehumanisierenden Rassismuserfahrungen, die wir nicht thematisieren dürfen. Von mir selbst weiß ich, dass ich durch Adoption und Rassismus bedingte Traumata und Gewalterfahrungen eine hohe Resilienz entwickelt habe, die zu meinem Überlebensmechanismus geworden ist, weil nicht tot zu sein die ersten 15 Jahre meines Lebens meine Definition von Leben war. Aber ich weiß auch, dass viele Adoptierte diese Art der Existenz nicht überleben. Adoptierte Erwachsene weisen ein vierfach höheres Suizidrisiko gegenüber Nicht-Adoptierten auf und das ist kein Zufall.

Wenn ich vor allem im Rahmen meiner Arbeit bedenke, auf welchen Systemen die Beziehung zwischen Globalen Norden und Globalen Süden erbaut sind, überrascht es mich nicht, dass ich einmal mehr, die Menschlichkeit von Bi_PoC auch im Rahmen von Adoptionen betonen muss. Wir sind Menschen mit Emotionen. Wir leben. Wir atmen. Wir fühlen. Wir sind keine Waren, die mensch ersteigert und wir sind keine Instrumente zur Inszenierung Weißer Retter*innen. Wir alle wissen, dass Weiße Menschen sich niemals auf ein Leben in bloßer Existenz einlassen würden, also wieso sollten wir das tun?

Transracial Adoptees zu sagen, dass sie in ihrem Geburtsland gestorben wären (hypothetisch), ist gewaltvoll. Unsere Lebensqualität an einem hypothetischen Tod zu messen, wurzelt in Rassismus und der Dehumanisierung von Schwarzen, Indigenen und People of Color. Probleme und Schwierigkeiten in unserem Leben, die wir gerade durch diese Dehumanisierung erfahren, mit unserem Tod zu rechtfertigen, ist nicht das, was wir verdienen.

Wir verdienen mehr.

Familien: Do the work.

TRAs und Bi_PoC: Ich sehe euch, ich höre euch, ich liebe uns.

Heute keine Kommentare von Weißen Menschen.


35th Blog Entry – To pit our quality of living against where we could have died is violent and it’s not what we deserve

I have thought a lot about whether to publish this entry or not. I decided to do so because the issue is too important to me – as a Black Person of Color, Black TRA and an activist for both. But I feel the urge to shout out a trigger warning: This entry will address adoption, violence, racism, death and suicide.

I am 20. The past three years I’ve been busy creating a life for me that I like and that still is what I am currently working on – which is ok because I am only 20. The past two years before that I spent developing a strong resilience and using the possibilities the Global North has to offer. The other 15 years that are left in my count I spent hating to live in the Global North and wishing to have died in The Gambia.

I am aware of that the way I am living my life – including all the violence and racism but also all the beautiful experiences – is based on my adoption. As long as I can remember relatives and strangers have told me that I would be dead now if I hadn’t been adopted. It’s a narrative that was introduced to me in many situation in which I shared my problems, because it serves the idea of that I should be thankful for even being alive. It doesn’t serve the image of white saviors that adoptees are not happy with their rescue. I cannot count all the adults I’ve trusted with my issues which they dismissed by „You should be thankful. If they hadn’t adopted you, you would have died“ or „Someday you’ll understand what they [my adoptive parents and the nun who managed the adoption] did for you“. Unfortunately today I understand and I now know that pitting my quality of living against where I would have died reduces my life to sole existence. To say that I and other non-white transracial Adoptees should be happy to at least not be dead is the same thing as telling us „Be happy you may exist“.

Transracial Adoptees from the Global South are on the one hand exposed to the trauma of losses we suffered but are not allowed to moarn and on the other hand to the trauma of dehumanizing racism experiences we are not allowed to address. I know about myself that due to traumas and violence I have experienced based on adoption and racism, I developed a strong resilience that helped me survive because for the first 15 years of my life not being dead has been my definition of living. But I also know that there are many TRAs who do not survive that kind of existence. Adoptees show a 4x higher suicide risk than non-adoptees and that’s no coincidence.

Especially within my work as an activist I always have to consider on what systems the relationship between the Global South and North is built and so it doesn’t surprise me at all that once again I have to point out the humanity in Bi_PoC when it comes to adoption. We are human beings with emotions. We live. We breathe. We feel. We are not commodities one can purchase and we are not tools to serve the image of white saviors. We all know that white people would never settle for a life in mere existence, so why should we?

Telling transracial Adoptees that they would have died in their birth country (hypothetically) is violent. Pitting our quality of living against our death is rooted in racism and the dehumanization of Black, Indigenous and People of Color. To justify our problems and difficulties in life thrown on us by exactly that dehumanization is not what we deserve.

We deserve more.

Families: Do the work.

TRAs and Bi_PoC: I see you, I hear you and I love us.

Today, please, no comments from white people.

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