34. Eintrag – Es sind nicht nur Geschichten, es sind Leben

*English version below*

Wenn Menschen (die nicht gerade berühmt sind) Verluste erleiden, veröffentlichen andere das dann auch in Zeitungen, sozialen Medien und erzählen jedem, was genau passiert ist, ohne die Person, um die es eigentlich geht, zu unterstützen? Nein. Menschen, die Verluste erleiden, haben ein Recht auf Privatsphäre, während sie diese Verluste betrauern und während sie die Geschichte des Verlusts verarbeiten. Wieso nicht transracial Adoptees aus dem Globalen Süden/Bi_PoC TRAs allgemein?? Wieso haben wir nicht das Recht auf Privatsphäre, wenn wir unsere Kulturen, Sprachen, Familienmitglieder, das Klima unseres Heimatlandes, unsere Identitäten, Informationen über unser Pre-Adoptee-Life und alle anderen Verluste, die wir bei einer Adoption erleiden, betrauern? Wieso wird uns von unseren Familien und der Gesellschaft immer und immer wieder gesagt, dass wir dankbar für unsere Verluste und Traumata sein sollten???

Vorgestern habe ich mit den Kreator*innen von @nowhitesaviors kollaboriert und mich mit ihnen über das Weiße Rettertum in Adoptionen ausgetauscht. Unter anderem ging es um einen Post von ihnen zu einer Adoption, die gerade abgewickelt wird. Dabei teilt der (hoffentlich nicht) werdende Adoptivvater die gesamte Geschichte der beiden Mädchen, die er adoptieren möchte (inkl. Namen, Altern, Bilder, Arbeitsstelle und Name der Mutter, Verbleib des Vaters). @nowhitesaviors haben diese Infos im Beitrag zensiert. Dabei geht es vor allem darum, die Mädchen und ihre Mutter zu schützen. Es geht um Privatsphäre. Also lasst uns über Privatsphäre in Adoptionen sprechen.

Auch damals als Kind haben meine Eltern JEDER PERSON, die sie getroffen haben, erstmal meine Adoptionsgeschichte – also eigentlich quasi mein Leben – erzählt, egal ob ich mich damit unwohl gefühlt habe. Vorgestern habe ich einen polnischen Artikel von mir im Internet mit Foto gefunden, in dem meine Adoptionsgeschichte erzählt wird – natürlich falsch aus dem Blick der White Savior und mit viel ekelhafter Darstellung. In diesem Artikel stehen falsche Informationen über meine leibliche Mutter und meine liebliche Familie sowie mich, dort steht mein ursprünglicher Name, meine Hobbies und meine (auch falschen) Träume. Ich dachte, wir fahren zu dieser Ordensschwester nach Polen, damit ich mehr Informationen über meine Herkunft bekomme. Stattdessen hat sie alles benutzt, das sie über mich herausfinden konnte, um es dann in diesen ekligen Artikel zu verbraten.

Mein Polnisch ist nicht sehr gut. Ich habe mich irgendwann geweigert, die Sprache weiterhin zu sprechen, weil ich keine Verbindung zu dem Land haben wollte. Also hat meine Schwester mir geholfen, einen Text an die Zeitung zu schreiben, damit dieser Artikel sofort von der Website gelöscht wird. Wieso? Weil ich diesen Artikel nicht befugt habe. Niemand hat meine Zustimmung für diesen Artikel bekommen und ich weigere mich, dass meine leibliche Familie, meine leibliche Mutter und ich dafür hinhalten, dass irgendeine Ordensschwester und meine Adoptiveltern sich als White Saviors aufspielen können.

Das ist keine Geschichte, es ist mein Leben. Ich finde es respektlos, dreist, unverschämt und einfach kriminell mein Leben international so zu veröffentlichen. Zum einen, weil ich damals (mit 14) dachte, vielleicht dreht sich meine Adoption wirklich mal um mich und alle beteiligten Personen meine Drang nach Wissen über meine Herkunft einfach schamlos ausgenutzt haben. Zum anderen, weil es meine leibliche Familie dastehen lässt, wie unfähige Menschen und wie Leute, die mich aufgegeben haben. Auch hier wurde mal wieder deren Unwissenheit übers Rechtssystem und die mangelnde Schulbildung meiner Tante und Großeltern ausgenutzt, um sie zu überzeugen, mich an wildfremde Menschen im Globalen Norden abzutreten.

Ich teile das heute mit euch, damit alle wissen, dass es falsch es ist, die Adoptionsgeschichten und die Leben von Adoptees einfach mit anderen Menschen zu teilen. Vor allem ohne die Zustimmung der*des Adoptees (aber darüber schreibe ich noch ein andern Mal).

Die einzige Person, die ein Anrecht auf mein Leben und meine Adoptionsgeschichte hat, bin ich!

Familien: Do the work.

TRAs: Die einzigen Personen, die ein Anrecht auf eure Leben und eure Adoptionsgeschichten haben, seid ihr! I love us.

PS: Wenn Adoptierte ihre Geschichten – also ihre LEBEN – mit uns teilen, ist die einzig richtige Antwort: „Danke fürs Teilen.“ Ich sage das auch zu allen TRAs und Bi_PoC in Weißen Familien, die ihre Gedanken, Leben und Probleme mit mir teilen, denn ich habe kein Anrecht darauf, es zu wissen und ich bin dankbar für das Vertrauen.


34th Blog entry – It’s not stories, it’s lives

When people (who are not famous) suffer loss, do others publish their losses in newspapers, social media and tell everybody about the loss they suffered, without actually comforting and supporting the person who lost somebody/someting? No. People who suffer loss have a right to privacy while they grieve and heal. Why not transracial Adoptees from the Global South/Black, Indigenous and transracial Adoptees of Color (Bi_TRAoC) in general? Why don’t we have the right to privacy when we grieve the loss of our cultures, languages, family members, the climate of our birth country, our identities, information about our pre-adoptee-life and all the other losses we suffer because of adoption? Why do our families and society tell us to be thankful for loss and trauma over and over again?

The day before yesterday I collaborated with the creators of @nowhitesaviors and discussed with them white saviorism. Part of the conversation was an adoption that’s happening right now where the (hopefully not) adoptive parent to be shares the whole life story of the girls he wants to adopt (incl. names, age, photos, work place and name of their mother, and everything there is to know about the father). @nowhitesaviors censored those informations to protect the girls and their mother. It’s a matter of privacy. So let’s talk about adoptee’s privacy.

My parents and family would tell everybody about my adoption and my pre-adoptee-life even though I didn’t like them sharing it with everybody. So the day before yesterday I found an article about me in the internet – with a picture of me when I was 14 – telling my adoption story which basically is my life story. Of course this article serves the white savior’s narrative. In this article they published false information about my birth mom and family and me. They published my former name (of course it’s spelled wrong), my hobbies around that time and my (also false) dreams. I thought we would drive to Poland so that I can find out more about my heritage. But actually they used all the information I gave them to write that disgusting article about me.

I don’t speak polish well because at some point I refused to learn the language since I had no connection to the country but its racist gazes. So my sister helped me write a text to the newspaper to delete the article right away. Why? Because I did not give my consent for publishing this. My parents did. I refuse me and my birth family to be a pawn in the white savior’s narrative of that nun or my family.

It’s not just a story, it’s my life. I find it disrespectful, brazen, impertinent and simply criminal to publish my life like that – internationally and wrong and without my consent. Firstly, because I thought that the trip to Poland was about me but they all just used my curiosity about my heritage and my hurting and my loss to publicly portray themselves as the white saviors who saved me. Secondly, because this article describes my birth family as if they were not good enough to have raised me and abandoned me because they did not want me which both is not true. Once again people took advantage of their unknowledge about the legal system and their lack of education to convince them to give me to strangers in the Global North.

I share with all of you to know that it is wrong to share the adoption stories and life stories of Adoptees – especially without their consent. But I’ll write about consent another day.

The only person who is entitled to my adoption story is me!

Families: Do the work.

TRAs: The only people who are entitled to your adoption story is you! I love us.

PS: When Adoptees share their story – their LIVES – with us the only appropriate response is: „Thank you for sharing“. I also say that to every TRA and Bi_PoC in a white family who share their thoughts, lives and problems with me because I am not entitled to it and I am thankful for their confindence.

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