24. Eintrag – Zentrierung von Whiteness im Gespräch über Rassismus

Im vorletzten Eintrag habe ich darüber geschrieben, wie wir als Bi_PoC unser Bi_PoC-Sein zentrieren können. In Bezug auf unsere Familien und gerade bei Gesprächen über Rassismus und Adoption geht die fehlende Zentrierung unseres Bi_PoC-Seins mit einer Zentrierung der Whiteness von einem oder mehreren Familienmitgliedern einher. Bei Familienmitgliedern gehen wir aufgrund der persönlichen Beziehung auch bei der Erkennung von beispielsweise White Fragility-Symptomen oder auch Weißen Tränen auf diese ein und zentrieren im Gespräch dann, wie sich das Weiße Familienmitglied jetzt besser fühlen kann und ob und wo wir sie verletzt haben könnten. Das Ganze lenkt dann vom eigentlichen Rassismusproblem ab und erhält im Familienkreis einmal mehr White Supremacy. Whiteness ist ganz gängiges Instrument zur Verteidigung des Status Quos. Wir müssen die Struktur entlernen, Weißen Menschen auf unsere Kosten einen moralischen Wohlfühlbereich zu schaffen, denn genau ist die rassistische Denkweise, die wir gelernt haben. Sich mit Rassismus auseinanderzusetzen und rassismuskritisch denken zu lernen, ist unangenehm. Sobald wir es für Weiße Familienmitglieder annehmlich oder bequem machen, ändert sich nichts und alle rassismuskritische Arbeit im Familienkreis wird nicht nachhaltig sein.

Wie kann Zentrierung von Whiteness bei der Konfrontation mit Rassismus aussehen?

Sätze wie „Ich fühle mich jetzt schlecht damit“ oder „Ich fühle mich auf meine Hautfarbe reduziert“ oder „Ich bin nicht rassistisch. Es ist nicht fair, dass du das so darstellst“ und zentrieren die Gefühle der Weißen Person, obwohl es um die Empfindungen der Bi_PoC geht (s. 22. Eintrag). Aber auch Wut oder andere Emotionen der Weißen Person, denen Ausdruck verliehen wird, könn Raum einnehmen, der eigentlich der Bi_PoC gehört. Das bedeutet nicht, dass Familienmitglieder wie Backsteine vor uns sitzen müssen oder sollen, aber dass nicht Raum eingenommen werden sollte, der nicht ihrer ist. Das führt schnell dazu, dass sich Bi_PoC entschuldigt, Gesagtes relativiert oder zurücknimmt, ein schlechtes Gewissen hat oder sich Vorwürfe macht. Letztlich hat es den (unbewussten) Zweck, das Gespräch über Rassismus und das kritische Hinterfragen der eigenen Privilegien zu beenden.

Was können wir Bi_PoC tun, wenn Whiteness im Gespräch zentriert wird?

  1. Wir dürfen unser Unwohlsein mit Whiteness zum Ausdruck bringen und sagen, was wir möchten, damit wir uns wieder wohlfühlen können. „Ich fühle mich nicht wohl, ich möchte gerne/nicht [Wunsch].“
  2. Wir dürfen Whiteness benennen: „Das ist eine sehr Weiße Sichtweise. Für Bi_PoC ist das anders. [Beispiel]“
  3. Wir dürfen Grenzen setzen: Wir dürfen das Gespräch pausieren, beenden. Wir dürfen Menschen sagen, dass sie mit ihrer Aussage zu weit gegangen sind.
  4. Wir dürfen die Whiteness zur Erklärung unserer Empfindungen benutzen: „Ich verstehe, dass du dich jetzt in deiner Hautfarbe nicht wohlfühlst. So geht es mir, wenn ich Rassismuserfahrungen mache.“ Anstatt die Weiße Person also über ihr Privileg hinwegzutrösten, dürfen wir White Fragility-Symptome auch nutzen, um der Person unsere Perspektive verständlicher zu machen.
  5. Wir dürfen die Problematik/die Situation benennen: „Ich möchte nicht, dass du das machst/sagst, weil es meine Sichtweise relativiert (und deine Sichtweise in den Vordergrund rückt).
  6. Wir dürfen auch wütend werden und impulsiv antworten. Wir müssen nicht wie Roboter oder Diplomat*innen auf Whiteness reagieren. Reaktionen, die von Whiteness motiviert sind, verletzen uns und es nicht unsere Aufgabe, alles auszuhalten oder die ganze Zeit Ruhe zu bewahren.

Mit Ich – Botschaften machen wir unsere Perspektive und unseren Standpunkt klar und rücken diese/n wieder in den Mittelpunkt. Wie wir letztlich reagieren, hängt von vielen vielen Faktoren ab: Wie geht es uns? Mit wem reden wir? Welche Beziehung haben wir zu den Personen/der Person? Haben wir Backup? etc. Es gibt kein Patentrezept und am Ende liegt es bei den Gegenübern, ob sie unser Gesagtes aufnehmen oder nicht.

Familien: Do.the.work.

Bi_PoC: Es ist wichtig, dass wir uns immer priorisieren – wenn wir das Gespräch nicht mehr führen möchten, müde sind etc., können wir jederzeit das Gespräch verlassen, ohne uns rechtfertigen zu müssen. Es ist auch nicht unsere Aufgabe, unsere Familienmitglieder aufzuklären. Wir können auf das Thema aufmerksam machen und wenn wir wollen, unsere Erfahrungen teilen, aber es gibt auch Grenzen für uns als Personen, die wir einhalten dürfen. Tipps zur Vorbereitung und zur Ansprache von Rassismus gibt es im Eintrag 11. Bi_PoC haben auf Instagram geteilt, wie sie sich auf die Gespräche vorbereitet haben, was sie anderen Bi_PoC raten würden und welche Warnungen sie aussprechen.

2 Kommentare zu „24. Eintrag – Zentrierung von Whiteness im Gespräch über Rassismus

  1. Danke für den Beitrag 🙂
    [Ich spreche hier aus einer weißen Perspektive und habe auch keine BI_POC in der Familie]
    Den 4. Punkt, dass White Fragility strategisch benutzt werden kann, finde ich spannend. Habe ich so noch nie gehört bzw. drüber nachgedacht! Ich frage mich allerdings, ob das wirklich funktioniert? Also ob die Analogie von der einen zur anderen Seite bleibt, oder ob weiße Menschen dann die Gleichsetzung nicht wieder argumentativ nutzen könnten? Um praktisch ihre Gefühle/Sprache in anderen Situationen zB bei Kritik zu legitimieren, weil „du hast ja gesagt, dir tut das dann auch weh, wenn ich…“. Keine Ahnung, ob das Sinn ergibt.. 😉

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    1. Ja, true. Grundsätzlich besteht immer die Möglichkeit, dass auf (strategische) Reaktionen eine von Whiteness geprägte Gegenreaktion kommt, weil mensch noch bedenken muss, dass Whiteness nicht automatisch weg ist, weil man darauf hingewiesen wurde. Jedenfalls kann es da tatsächlich so sein. Es hängt dann davon ab, wie zugänglich mein*e Gegenüber tatsächlich ist, um meine Perspektive anzunehmen.

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