11. Eintrag – Rassismus in der Familie ansprechen

Rassismus in der Familie anzusprechen, ist wahrscheinlich die Sache, bei der wir uns als Schwarze am verletzlichsten machen. Die Erwartungen und der Ansatz sind ein anderer als bei Fremden. Rassismus in der Familie anzusprechen ist so oft mit vielen Emotionen, Enttäuschungen und letztlich auch dem Abbau von Brücken zu Personen verbunden, weil Erfahrungen abgesprochen, ignoriert und/oder nicht verstanden werden. Ich finde es wirklich heftig, wie viele von uns sich öffnen und versuchen, unsere Familien zu sensibilisieren und bei ihnen auch einen sichereren Ort zu finden und mit einem schlechten Gefühl aus diesen Konversationen rausgehen. Mit der Notwendigkeit, Beziehungen zu beenden, Familienfeste auszusitzen, jahrelang keine Gespräche mehr zu führen. Ich finde es einfach nur traurig, wie vielen Familien(-mitgliedern) ihre eigenen Privilegien und Komfortzonen wichtiger sind als die Beziehungen zu ihren Geschwistern, Kindern, Enkeln etc… Es ist grundsätzlich unvorhersehbar, wie die Gespräche ausgehen, aber in viel zu vielen Fällen, gehen die Personen negativ bzw. enttäuscht aus der Konversation. Lasst euch nichts absprechen, steht zu euren Erfahrungen und euren Gefühlen.

Durch eine Umfrage auf Instagram habe ich ein paar Tipps, Ratschläge, Warnungen und Vorbereitungstipps für alle, die ihre Familien mit Rassismus konfrontieren möchten, gesammelt.

Tipps, Ratschläge und Warnungen

1) (Zuerst) mit einzelnen reden und Backup holen

Wenn es euch allein zu viel ist, habt ihr ggf. Backup. Redet zunächst mit Menschen in der Familie, bei denen ihr euch sicher seid, dass sie das Gesagte auch verstehen und entsprechend reagieren. Es kann auch gut sein, mit den Personen oder guten Bekannten der Familie, mit denen ihr darüber geredet habt, das Gespräch zu führen. Backup ist immer gut, damit eure Familien eure Erfahrungen schwer isolieren können.

2) Buch schenken, Links/Screenshots/Artikel zum Thema raussuchen und verschicken

Ich will hier kurz anmerken, dass es NICHT unsere Aufgabe ist, Wissen an unsere Familien zu vermitteln. Wer lernen will, kann sich belesen. Man kann sich über alles informieren. Wer es nicht tut, folgt meiner Meinung nach der freiwilligen Verdummung.

3) Auf Experten aufmerksam machen (s. Tupoka Ogette)

Es gibt Workshops, Bücher und Angebote von Experten, zu denen eure Familien gehen können. Genauso gibt es auch Beratungen von diesen.

4) Rassismuserfahrungen nicht ansprechen und Familienmitglieder nicht als rassistisch bezeichnen (auch wenn es vielleicht die Wahrheit ist)

Rassismuserfahrungen werden oft gegen uns verwendet oder genutzt, um uns zu gaslighten. Wenn eure Familien Beweise dafür haben wollen, dass Schwarze und BIPoC Rassismus erfahren, müssen sie einfach die Nachrichten schauen und sich belesen. Es ist nicht unsere Aufgabe, unsere Traumata als Lerntool auszupacken. Weiterhin reagieren Weiße Menschen grundsätzlich allergisch auf die Worte „Du bist rassistisch“. Stichwort „Weiße Zerbrechlichkeit“ (White fragility). Rassistisch zu sein, scheint die schlimmste Beleidigung zu sein und viele lassen dann nicht mehr mit sich reden.

5) Lasst euch nicht als Token benutzen

Familienmitglieder schieben uns gern vor, um ihren Anti – Rassismus zu stützen. Das finde ich immer sehr sehr dreist. Es ist absolut inakzeptabel die eigenen Kinder oder Geschwister vorzuschieben, um ihnen gegenüber etwas moralisch zu rechtfertigen. Gerade adoptierten Kindern wird dann gesagt, dass die Eltern sie ja nicht adoptiert hätten, wären sie rassistisch. Das geht gar nicht! Lasst euch nicht als Token benutzen.

6) Die eigenen Grenzen wissen und wissen, ab wann Selbstschutz wichtiger ist

Wie ich schon meinte, ist es nicht unsere Aufgabe, Traumata als Lerntool zu benutzen. Euer Selbstschutz, eure Emotionen und eure Retraumatisierung gehen vor. Hört gut auf euren Körper: Wie viel Kraft habt ihr, euch tatsächlich, um euch mit der Familie auseinanderzusetzen?

Vorbereitungstipps: Fragen, die ihr euch in der Vorbereitung stellen könnt

1) Trennung von rationalen und emotionalen Input: Wo genau wünscht ihr euch Verständnis?

2) Wie sind die Argumentationsweisen eurer Familien und euch?

3) Wo und wann fühlt ihr euch damit wohl, Rassismus anzusprechen?

4) Wie liefen vorherige Gespräche ab? (ggf. zu anderen schweren Themen)

5) Was für Wissen kann ich mir aneignen, um besser argumentieren zu können?

Ich finde es ehrlich gesagt schade, dass es sowas wie einen Schlachtplan braucht, um sich zu öffnen. Ich wünsche aber allen, die mit ihren Familien reden wollen oder schon geredet haben, viel Kraft, viel Support von anderen und wenig Enttäuschungen!

Bis zum nächsten Mal!

Elli

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